Kultur : Toast modern

NICOLA KUHN

Wie ein Aufschrei ging es durch die Medien: Das Kölner Museum Ludwig werde zum Jugendclub, die Kunst zum letzten Aufgebot der Popkultur.Gewiß, Jochen Poetters erste Ausstellung als neuer Direktor mit dem alles irgendwie verbindenden Untertitel "Crossover der aktuellen Kunst" mochte es an theoretischer Unterfütterung mangeln; als größter gemeinsamer Nenner brauchten schließlich nur die New Yorker Provenienz und die Verbindung zur Popkultur herzuhalten.Aber das in den letzten Jahren zunehmend ins Abseits geratene Haus - abgesehen von den großen Rauschenberg- und Hockney-Ausstellungen - hatte zum ersten Mal wieder öffentliche Aufmerksamkeit und Zuspruch vor allem von einem jüngeren Publikum.

Publikumsmagnet "Cross-over": Diese längst nicht mehr taufrische Formel für die Begegnung der bildenden Kunst mit ihren Nachbardisziplinen scheint tatsächlich wie die letzte Karte der traditionellen Ausstellungshäuser, um den Anschluß an die jüngsten Diskussionen nicht zu verpassen.Auch das Städtische Museum des benachbarten Leverkusen ist auf diesen Zug aufgesprungen und verspricht sogleich im Ausstellungstitel werbestrategisch geschickt "Global Fun" mit "Mondrian, Gehry, Versace and Friends".Während es der Kölner Schau jedoch nur um Überkreuzungen der Kunst mit Popmusik und Clubkultur der letzten fünf Jahre ging, hat das auf der anderen Rheinseite gelegene kleine Schwesterinstitut das Gesamtphänomen, einen seit Beginn dieses Jahrhunderts währenden "Cross-over", im Sinn: die Verschmelzung von Kunst und Design, High and Low in den Bereichen des täglichen Lebens.

Das Resultat ist auf den ersten Blick verblüffend.Die sich gerade zum Jahrhundertende aufdrängende Fragestellung nach der Funktion der Kunst, ihren Auflösungserscheinungen, Abgrenzungs- und Erneuerungsversuchen gerät in dem 1774 erbauten Herrenhaus mit seinen Ausblicken auf einen niederrheinischen Schloßpark und dem teilweise erhaltenen Rokoko-Interieur zu einer ästhetischen Achterbahnfahrt.Nicht chronologisch, sondern assoziativ wurden berühmte Beispiele des "Cross-over" zusammengestellt.Die teilweise krude Mischung versteht sich selbst als künstlerischer Akt, denn das aus Los Angeles stammende Künstlerpaar Jorge Pardo und Pae White - erprobt in Grenzgängen zu Architektur und Werbefilm - besorgte die Einrichtung mit Hilfe amorph gerundeter Ausstellungspodeste in rot, blau, türkis.

Das mag in seiner Willkür große Momente haben, etwa wenn Arnold Böcklin und Dan Flavin einander begegnen und plötzlich beide das Odium des Salonkünstlers umweht oder sich Duchamps "Boîte en valise" in der Nachbarschaft einer Rauminstallation Tobias Rehbergers wiederfindet.Einen unfreiwillig komischen Anblick aber hinterläßt ein Parfümflakon des Verpackungsdesigners Peter Schmidt, das auf der Ablagefläche einer Spüle Aufstellung genommen hat.

Dennoch trifft gerade dieses wüste Durcheinander den Nerv, mag auch in einigen Räumen eine etwas schlüssigere Zusammenstellung etwa der Bereiche Architektur, Mode und Möbeldesign versucht worden sein."Toast modern" hat Volker Hildebrandt dieses Phänomen in seinen Design-Karikaturen getauft.Wenn alles mit allem zusammengeht, muß es schließlich nicht gleich Gesamtkunstwerk, sondern kann einfach ein Durcheinander sein wie im normalen Leben: Da paßt dann das neueste Modell von Ford ebenso hinein wie die Abendkleider der Kessler-Zwillinge, ein Video von Pipilotti Rist wie Shampoo-Flaschen mit Mondrian-Design.Gerade darin liegt aber auch die Schwäche der Leverkusener Schau, die aus dem großen Lifestyle-Topf allzu beliebig Beispiele herausfischt und vor einer Stellungsnahme zurückscheut.Natürlich kann es nicht darum gehen, Kunst und Design wieder auseinander zu dividieren, aber eine Aussage der Institution Museum auf einen solch schillernden Begriff wie "Global Fun" hätte man sich schon gewünscht.

Jorge Pardo und Pae White machen da zumindest ein Angebot: Am Ende ihres rasanten Rundgangs kann sich der atemlos gewordene Besucher im historischen Jagdzimmer auf einer von ihnen eigens erworbenen 0/8/15-Sofagarnitur verpusten.Auf den ebenfalls gezeigten Sitzmöbeln etwa Marcel Breuers und Max Bills hätte er das nämlich nicht gedurft.Diese sind in die Sphären der Kunst wieder zurückgekehrt.

Städtisches Museum Schloß Morsbroich, Leverkusen, bis 14.März; vom 16.April bis 4.Juli in Schloß Moritzburg, Dresden.Katalog in Vorbereitung.

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