Kultur : Tobias Hauser in der Berliner Galerie Zwinger

Ronald Berg

Tobias Hauser rangiere bei manchen unter "händischer Künstler", erklärt sein Galerist Werner Müller. Ein solches Urteil gilt heute schon fast als unanständig. Peter Weibel, der Impressario der Netzkunst am Zentrum für Kunst und Medien, habe ihn einmal so tituliert. Diese Klassifikation war nicht als Kompliment gemeint. Warum aber eigentlich nicht, wenn das Handwerkliche so perfektionistisch daher kommt wie bei Hauser? Seine Monet-Paraphrase sieht tatsächlich aus wie aus der guten alten Zeit des Jugendstils. Bei den Seerosen handelt es sich allerdings um ein über zwei Meter hohes Schnitzrelief aus Pappelholz. Die verschlungenen Tentakeln der Wurzeln sind mit purpur-grün changierender Enkaustik überzogen und mit einer aufgelegten Glasscheibe wie ein Schneewitchen eingesargt. Diese Wachsfarbentechnik, die alles mit einem morbiden Schleier überzieht, hat ihren Ursprung übrigens im Mumienporträt. Das Ergebnis nimmt sich eher düster und unheimlich aus. Entsprechend lautet der Titel der Arbeit: "Das Ende der Welt" (17 000 Mark). Auch ein kleineres Flachrelief "Amerikanische Pappel" (8000 Mark) mit ornamental-verschlungenen Blattmotiven wirkt durch das weiß gebeizte Holz wie eine Versteinerung aus alter Zeit: schön, aber tot. Naturschilderungen kommen in heutiger Zeit wohl nicht mehr ohne Trauer aus. Das Schöne lässt sich offenbar nur noch petrifiziert genießen, als unwiederbringlich Vergangenes und Verlorenes. Die handwerkliche Perfektion verschafft Hausers Arbeiten etwas Endgültiges wie eben sonst nur der Tod.

Selbst ein so ärmliches Baumarkt-Material wie die mitteldichte Faserplatte (MdF) verwandelt sich unter den Händen von Hauser in eine stilisierte Kostbarkeit, zumal wenn sie wie bei den "Preussischen Nestern" mit kostbarem Porzellan kombiniert wird. In den drei durchbrochenen Nestkränzen aus MdF (je 12 000 Mark) prangt jeweils ein knapp metergroßes Porzellan-Ei. Hier vermittelt schon die schiere Größe des Objekts ein Gefühl der Bedrohung: Was wird aus den monumentalen Eiern kriechen? Ein überlebensgroßer Preußenadler etwa? Und wofür wird er stehen? Für preußische Tugenden oder für preußische Herrschsucht? Man muss wissen: Hauser ist gebürtiger Münchner. Er hat sich mit der preußischen Metropole bisher nicht sonderlich anfreunden können, obwohl er hier bereits 1984 seinen Wohnsitz nahm, in dieser Stadt ohne eigene Kultur, ohne Sinnlichkeit und ohne Geschmack. Berlin blieb Hausers Naturell fremd. Das gibt der Künstler unumwunden zu. Der "händische" Hauser, schon äußerlich ganz das bayerische Mannsbild, wie man ihn sich im Bierzelt am ehesten vorstellen könnte, passt stilistisch nicht recht in die derzeit angesagten Trends der Hauptstadt, ob sie nun Konzeptkunst, Trash-Art, Neue Medien oder künstlerische Intervention heißen.

Das mag markttechnisch vielleicht ein Nachteil sein, der Qualität von Hausers Arbeiten tut es jedoch keinen Abbruch. Denn diese sind ebenso handwerklich perfekt wie gedanklich ausgereift. Unter der glatten Oberfläche ahnt man dunkle Geheimnisse, deren Schrecken man nur ertragen kann, weil sie so hübsch verpackt sind.Galerie Zwinger, Gipsstraße 3, bis 30. Oktober; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 11-17 Uhr.

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