• Tobias Rehberger in der Galerie Neugerriemschneider: Gallery Weekend: Origami für Freunde

Tobias Rehberger in der Galerie Neugerriemschneider : Gallery Weekend: Origami für Freunde

Für seine Show "Presently" hat sich Tobias Rehberger von 66 Weggefährten Gaben bringen lassen. Seine Gegengeschenke kann nur sehen, wer die Kunst zerstört.

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Who is who. Die Werke stammen von Isa Genzken, Thomas Beyerle, Martin Kippenberger, Manfred Pernice, Haegue Yang oder Philippe Parreno.
Who is who. Die Werke stammen von Isa Genzken, Thomas Beyerle, Martin Kippenberger, Manfred Pernice, Haegue Yang oder Philippe...Foto: Jens Ziehe/VG Bildkunst, Bonn 2016

Augen zu und wieder aufgemacht. Wer mitten in der Galerie Neugerriemschneider steht und den völlig unvorbereiteten Blick versucht, könnte zumindest einen Moment lang glauben: Geburtstag, Geschenke, jede Menge Überraschungen! Überall stehen auf Podesten Gaben und dazu kunstvoll verhüllte Pakete. Natürlich ist der Besucher hier nicht in eine Party geplatzt, sondern besucht ganz regulär eine Ausstellung, die den bezeichnenden Titel „presently“ trägt. Denn hier feiert tatsächlich jemand und bekommt von seinen Gästen etwas mitgebracht; dafür erhalten sie Gegengaben, wie es sich zumindest für einen richtigen Kindergeburtstag gehört.
Tobias Rehberger hat eingeladen, 66 Freunde, Wegbegleiter, Mentoren aus den vergangenen 21 Jahren. So lange ist es her, dass er seine erste Einzelausstellung bei Neugerriemschneider hatte, damals funktionierte die Schau nach dem gleichen Prinzip. Der Bildhauer produzierte Mitte der Neunziger noch Vasen und porträtierte auf diese Weise die Künstler der Galerie. Für seine Ausstellung bat er die Kollegen, ihm einen Strauß ihrer Lieblingsblume zu schicken. Aus der Kombination Vase und Strauß entstand eine Art Doppelporträt. Der Ausstellungsbesucher durfte sich Gedanken machen, was Form und Farbe des Behältnisses über den jeweiligen Künstler aussagen, über Rehbergers Beziehung zu ihm und welche tiefere Bedeutung die Wahl der Blumen besaß. Für sich selbst suchte Rehberger eine Gerbera aus und stellte sie in eine gläserne Kugelvase.
Ein halbes Künstlerleben später ist er nicht mehr der Jungspund und Hochschulabsolvent, sondern selber Professor an der Frankfurter Städelschule, die er gegenwärtig als Prorektor leitet. Natürlich hat sich seitdem sein Werk gewandelt, umfasst es mittlerweile ganze Interieurs, selbst Brückenbauten. Aber eines blieb gleich: Rehberger geht es um den direkten Austausch, seine Arbeiten beziehen sich häufig auf konkrete Lebenswelten. Er entwarf für die Kantine des Paul-Löbe-Hauses, in dem die Ausschüsse des Bundestages ihre Sitzungen haben, Teile des Mobiliars. Die Cafeteria der Giardini in Venedig gestaltete er 2009 komplett neu, Tische, Stühle, Dekor, und erhielt dafür den Goldenen Löwen der Biennale.

Eine Art Biennale, nur Rehberger-zentriert

Rehberger versteht Kunst als soziale Interaktion, zugleich sucht er nach neuen Wegen, das erklärt die Zusammenarbeit mit Modemachern, Designern, Musikern, die sich nun ebenfalls unter seinen Gästen befinden, etwa der Designer Konstantin Grcic oder der DJ Sven Väth, die ihm passenderweise einen Tisch und ein Electronica Ambient Set mitbrachten. 1995 lud Rehberger noch die aktuellen Künstler der Galerie zu seiner Gemeinschaftsausstellung ein, seine Peergroup. Heute greift er weiter aus, bittet auch eigene Lehrer und ehemalige Schüler hinzu, von denen er sich inspiriert fühlt. Jeder sollte ein Werk zur Verfügung stellen, das ihrer Meinung nach Rehberger gefallen könnte. Und plötzlich meint man den Austausch nicht nur zu sehen, sondern es auch wispern zu hören.
Die 66 Ausstellungsteilnehmer bilden ein einziges großes Energiefeld, das sich um Rehberger formiert, eine Art Biennale, nur personenzentriert. Wieder beginnt sich der Besucher zu fragen, welche Botschaften sich in den Werken verbergen. Was wollte Olafur Eliasson damit sagen, dass er einen neunzig Kilo schweren Meteoriten anliefern ließ, was Douglas Gordon, der Kartoffeln am Boden auf eine Folie platzierte und das Ensemble „Almostchips“ nannte? Soll der Meteorit eine Anspielung auf das Schwergewicht Rehberger, sein womöglich sphärisches Wesen sein, ist „Almostchips“ als Verweis auf gemeinsame Fish & ChipsGelage mit dem Schotten zu verstehen? Das wäre vermutlich zu dicht dran. Liam Gillick allerdings hat seine grafisch de Stijl nachempfundene Wandarbeit dem „Thing Maker“ Rehberger direkt gewidmet. Die seitlichen Kürzel verraten die gewonnenen Preise des überaus erfolgreichen Freundes. Könnte etwa nicht nur Bewunderung, sondern auch Neid mit im Spiel sein? Unter Künstlern soll das gar nicht so selten vorkommen.

Die Kunst ist die Verpackung

Rehberger selbst löst diese Spannung auf, indem er mit einem Gegengeschenk seine Aufwartung macht. Allerdings sind diese Gaben in kompliziert geformte Kartonagen mit individueller Bemalung verpackt, Origami à la Rehberger, genauer: abstrakte Papierskulpturen. Auch hier versucht der Betrachter eine Beziehung zum Adressaten herzustellen, was genauso wenig wie bei der Zuordnung der Kunstwerke gelingt. Nur die Raster für Günther Förg erscheinen evident. Bei Liam Gillick meint man noch die kühle Klarheit der Lokalfarben, bei Olafur Eliasson die geometrisch rechnerische Form zu verstehen.
Der Clou von Rehbergers Gaben besteht darin, dass diese fantasiereichen Behältnisse nur Verpackung sind und zerstört werden müssen, um an das eigentliche Geschenk zu gelangen. Ein Gewissenskonflikt, der sich auch für die Käufer der zweiten Auflage eröffnet. Siegt die Neugierde, ist die Hülle dahin. Auch unter Freunden kann respektvoller Abstand manchmal besser sein.
Tobias Rehberger spielt hier ein kluges Spiel. Nicht allein das eindrucksvolle Beziehungsgeflecht, in dem er sich bewegt, stellt er mit „presently“ aus: von Ai Weiwei bis Andreas Gursky, von Elizabeth Peyton bis Isa Genzken, von Thomas Beyerle bis Reinhard Mucha, von Louise Lawler bis Olaf Metzel und Anri Sala, der dem Fußball-Fan Rehberger einen passendes Film zukommen ließ. Er denkt außerdem öffentlich über die Prägungen seines eigenen Werks nach, was ihn zu dem heutigen Künstler gemacht hat, woher er formal und inhaltlich kommt. Er lenkt den Blick vom Produkt damit wieder stärker auf den kreativen Prozess und schließlich die individuelle Persönlichkeit als Ausgangspunkt allen Schaffens.
In Zeiten eines beschleunigten Kunstmarktes ist es ein geschickter Schachzug, an den Ursprung zu erinnern. Zum Gallery Weekend, das vor allem den Kunstverkauf anheizen soll, passt das erst recht. Das gilt auch für die Künstler, die mit wachsendem Erfolg mehr und mehr zu Reisevertretern ihres Gewerbes werden und den Freunden nur noch auf Flughäfen und Biennalen begegnen. Bei „presently“ kommen für Rehberger zumindest deren Werke zusammen.
Neugerriemschneider, Linienstr. 155, bis 21. 5.; Di bis Sa 11–18 Uhr.

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