Kultur : Tochter Courage

CHRISTOPH FUNKE

Unbeschadet geht Bertolt Brecht aus den Scharmützeln hervor.Die Antipoden, die "Gegenfüßler" in Dichtung und Ästhetik, liefern mit ihren anderen poetischen, politischen, philosophischen Versuchen erstaunlicherweise größeres Verständnis, verblüffende Deutung, neuen Zugang für sein Werk.Fünf Tage mit "Brechts Antipoden" im Literaturforum im Brecht-Haus belegten, wie schwer es ist, sich aus dem Sog des Meisters zu befreien und denen, die sich mit ihm messen wollten und konnten, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.Mit Vorträgen von Klaus Wagenbach, Katja Lange-Müller und einer spannungsvollen Lyrik-Stunde mit Durs Grünbein gingen die Berliner Brecht-Tage zudem über die wissenschaftliche Debatte weit hinaus.

Zunächst also die Lyriker.Was unterscheidet Tucholsky von Brecht? Unter dem Namen Theobald Tiger schrieb der acht Jahre ältere Journalist und Schriftsteller Lyrik folgerichtig für die Presse, zur Aufklärung und zur Zerstreuung, seine Texte waren "zum Verbrauch" bestimmt.Lothar Köhn stellt fest, daß damit eine Lyrik neuen Typus geschaffen wurde, "die sich furchtlos ins mediale Zeitalter stürzte".Kein fundamentaler Widerspruch zu Brecht, auch wenn mühelos der Unterschied der Poetiken auszumachen ist.Noch schwieriger wird die Antipoden-Position bei Zbigniew Herbert, dem 1924 geborenen polnischen Lyriker (Vortrag Ursula Heukenkamp).Brecht, der die Opfer nicht liebte, die Arbeiter nicht kannte - eine These aus der Diskussion -, und Herbert, der für die Opfer schreibt und im ständigen Kampf gegen die Zeit, gegen die Zensur für Vernunft eintritt, das Vertrauen in Sprache, in Form verteidigt.Herbert will "die einfachste Regung" beschreiben, setzt Ironie ein.Aber die gibt es bei Brecht auch.Der Gegenpol liegt eher in der Haltung zum "Einverständnis", in der Betonung des Einzelnen gegenüber der Masse.Aber bei Gottfried Benn? Gerhard Bauer setzt das frühe Werk Benns, die Entgleisungen des Dichters zu Beginn des Faschismus und das späte Werk gegeneinander."Brecht und Benn sind Antipoden ganz und gar", sagt Bauer und beschreibt das "herrische, überhebliche Verhältnis" des sprachmächtigen Benn zur Geschichte, die von ihm gefeierte Absolutheit des Ich.Die Formel, bei Benn finde Ausverkauf des Denkens statt, Brecht setze Denken gegen die bösen Wirklichkeiten, ist bewußt vereinfacht, bringt aber nun wenigstens einen wirklichen Gegensatz ins Licht.

Dann also Dramatik.Über Gerhart Hauptmann schrieb Brecht 1921: "Zweifellos haftet der Ära Hauptmann etwas Kleines an." Von diesem Urteil ausgehend, untersuchte Marianne Streisand die "nach innen" gerichtete Haltung der Hauptmannschen Figuren und die aggressive, öffentliche, geschichtliche Dimension der Helden im Frühwerk Brechts.Das Ich ist die Stätte der Handlung bei Hauptmann; auch diese Feststellung und eine sehr einfühlsame Sprach-Analyse führt wieder zum Verständnis Brechts zurück, der sich ja von Hauptmann anregen ließ - ohne Mutter Wolffen ist die Mutter Courage nicht zu denken.Und zu den sechs Aufführungen der "Theaterarbeit" im jungen Berliner Ensemble gehört die Bearbeitung von "Biberpelz" und "Roter Hahn" für einen Abend und für Therese Giehse.Zweiter Versuch: Antipode Zuckmayer.Günther Heeg liefert eine anschauliche, sinnliche, verblüffende Deutung der Castorf-Inszenierung von "Des Teufels General": "Castorf entdeckt bei Zuckmayer Spuren der Tragödie und damit ein Element, über das Brecht zu schnell hinweggegangen ist." Der eigentliche Gegenspieler Brechts, sagt Heeg, ist die Tragödie.Von dieser überraschenden These ausgehend, untersucht der Vortragende den "Theatertod", der auf die Zuschauer gerichtet ist, auf die Gemeinschaft."General Harras stirbt den Theatertod für Deutschland." Zuckmayers Stück ist in diesem Sinn das Nationaltheaterdrama der westdeutschen Übergangsgesellschaft - vom Faschismus zur Adenauer-Ära.Und dieses Ritual des Theatertods auf der Bühne habe Castorf durch seine Inszenierung in vielfacher Weise unterbrochen, verfremdet, durch die Spaltung der Titelfigur, durch den "Chor der Opfer".Hier kam Spannung in den Dialog.Bei der Vorstellung des "Gegenfüßlers" Artaud durch Patrick Primavesi konnte sie nicht gehalten werden.

Auf der Schwebe zwischen Ernst und überlegener Heiterkeit war dagegen die den Dramatik-Abend einleitende Plauderei von George Tabori mit Holger Teschke, im beängstigend überfüllten Vortragssaal des Literaturforums."Ich kam wegen Brecht zum Theater und habe ihn deshalb oft verflucht", sagte Tabori schmunzelnd und lobte die Ruhe des Romanschreibens und den Spaß an dieser von fremden Einflüssen freien dichterischen Arbeit.Natürlich blieb das Bekenntnis zum Theater dennoch stehen: "Theater ist Spiel, böses Spiel, und das ist gut so."

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