Kultur : Tod der Liebe

Der zweite Kammermusikabend beim Young Euro Classic Festival

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Es ist die einfachste Versuchsanordnung von der Welt: Eine Frau, ein Cello, ein Notenpult. Die Frau ist jung und schön und trägt ein ärmelfreies, karamellfarbenes Abendkleid. Das Cello ist von hellem Holz und blank poliert; wenn die Frau auf ihm spielt, dann gibt es einen feinen und beherzten, einen sprechend beweglichen und etwas harzigen Ton.

Das Notenpult aber ist leer. Da leg nun etwas drauf, wenn du ein junger Komponist bist! Manschetten? Verlegen? Keine Sorge: Ein wenig Bildung wird dich und deine Noten schon interessant machen. Drum nenne dein neues Werk flugs „Versuch über die Apathie der Sterne“ und schmücke die Sätze mit Fragmenten eines raunenden Rilke oder mit Pindars Pythischen Oden. Stillstand ist der Tod der Liebe, drum lass die Holde nicht zur Ruhe kommen: Jage ihre schneeweißen Hände von der extremen Tiefe zur extremen Höhe über das Griffbrett aus Ebenholz, lass sie tremolieren und die Saiten zupfen oder eine singende Säge imitieren, aber nie zu lange, sonst wird es kulinarisch.

Denn Schönheit ist unerreichbar und das moderne Bewusstsein notwendig fragmentarisch. Bevor man dir widerspricht, zitiere Joyce und den Mythos von Narziss.

Solange er für Interpretinnen wie Tatjana Vassiljeva schreibt, wird der 23-jährige Alexander Muno reifen und gedeihen unter der Käseglocke der Neue-Musik-Szene. Doch das von vielerlei Sirenen umgarnte größere Publikum wird die Arbeiten dieses talentierten musikalischen Narziss als Werke wohl kaum liebgewinnen. Muno ist damit in guter Gesellschaft mit dem anderen jungen Kompositionstalent der zweiten „special- night“ im Konzerthaus (so nennt sich das Kammermusikprogramm des Jugendorchesterfestivals Young Euro Classic): Auch Soo-Jung Shin darf sich sicher fühlen in der fragmentarischen Atonalität ihrer Musiksprache. Ihre „Schwebenden Flecken" für Klavier machen allerdings zu viel Wesens um banale Sondereffekte wie das Anreißen der Saiten mit der Hand und zu wenig aus den wirklichen Stärken der litauischen Solistin Irma Kliauzaite. Die aber wird mit jeder Komposition begeistern, die ihr Gelegenheit gibt, die raubtierhafte Spannung ihres Anschlags, ihre farbenreich grollenden Bässe sowie ihr redendes Piano anzubringen. Carsten Niemann

Donnerstag, 20 Uhr, Konzerthaus: Flandrisches Jugendorchester

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