Kultur : Tod einer Diva

Heute wäre sie 80 – doch Marilyn Monroe starb bereits 1962. Selbstmord, so hieß die offizielle Version. Andere sprachen von Gift, der Mafia und den Kennedys. Vier Theorien und ein Staatsanwalt, den der Fall nicht ruhen lässt.

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Von Anna Maria Gadebusch „…Manchmal denke ich, es wäre besser, jung zu sterben, aber dann könnte man sein Leben nie vollenden … sich nie ganz kennen lernen.“ (Marilyn Monroe)

Marilyn Monroe hat sich nie ganz kennen gelernt.

Sie starb mit 36 Jahren – während der Dreharbeiten zu ihrem 30. Film. Mit „Something’s got to give“ wollte sie ihr Image als ewig-argloses, lasziv-naives Glamour-Blondchen abstreifen. Dabei war das die Rolle, die sie zur Leinwandgöttin gemacht hatte. Auch seichten Streifen hatte sie damit ihren Stempel aufgedrückt, sie zu Klassikern der Filmgeschichte werden lassen.

Unnachahmlich, wie sie so „ahnungslos“ sexy und „unabsichtlich“ komisch sein konnte, das Mädchen, das vor 80 Jahren am 1. Juni 1926 als Norma Jeane Mortensen geboren wurde – Mutter psychisch krank, Vater unbekannt, eine Kindheit zwischen Pflegeeltern und Heimen, aus der sie mit 16 in die Ehe mit einem jungen Marine-Soldaten flüchtete.

In einer Munitionsfabrik entdeckte die Kamera das Mädchen mit den krausen braunen Locken und der Coca-Cola-Flaschen-Figur. Norma Jeane wurde Amerikas beliebtestes Pin-Up-Girl und Schauspielerin bei der 20th Century Fox. Sie änderte ihren Namen in Marilyn Monroe, wurde blonder und berühmter. Zwei weitere gescheiterte Ehen, erst mit Amerikas Baseball-Helden Joe DiMaggio, dann mit dem Schriftsteller Arthur Miller, und ihre legendären Ausfälle bei Dreharbeiten aber zeugten auch von der Kehrseite ihres Aufstiegs.

Gerade hatten die Titelseiten über ihr betörend gehauchtes Geburtstagsständchen für den Präsidenten berichtet und ihr Filmstudio sie wegen Problemen bei „Something’s got to give“ als psychisches Wrack pathologisiert, als sie am 5. August 1962 die ultimativen Schlagzeilen lieferte: „Marilyn Monroe dead. Pills near.“

„Die Leiche des Stars ist heute früh in ihrem Bett tot aufgefunden worden. Neben ihrem Bett die leere Flasche eines starken Schlafmittels. Der Gerichtsmediziner spricht von einem unnatürlichen Tod, verursacht durch eine Überdosis Barbiturate, möchte den Fall aber ebenso wie die Polizei zunächst nicht als Selbstmord bezeichnen“, schreibt die „New York Times“. Einige Tage später lautet der Bericht des Leichenbeschauers: „Tod durch selbst verabreichte Sedativa. Wahrscheinlich Selbstmord.“ Weitere Ermittlungen im Todesfall Marilyn Monroe werden sofort eingestellt.

Die Hollywood-Presse übernimmt das amtliche Ergebnis. Hobby-Psychologen weltweit basteln an der Geschichte vom komisch-traurigen Aschenputtel, das als Königin von Hollywood zerbricht. Dabei hatten die Verantwortlichen vieles übersehen – oder ignoriert, was ernsthafte Zweifel an ihrer Theorie zulässt. Die Polizei sicherte weder Tatort noch Beweismaterial. Im Gegenteil, man ließ Menschen ins Haus und Gegenstände verschwinden.

DIE LETZTEN 24 STUNDEN

Marilyn hatte wie üblich schlecht geschlafen. Sie stand früh auf und ließ sich von ihrer Haushälterin das Frühstück servieren. Eier, Grapefruit, Kaffee. Das Übliche. Ihre Freundin, Pat Newcomb, die bei ihr übernachtet hatte, schlief noch. Möbel und Pflanzen wurden geliefert, und Marilyn arbeitete etwas im Garten. Der Fotograf Lawrence Schiller kam vorbei und nach dem Mittagessen Dr. Ralph Greenson, ihr Psychiater, zur üblichen „Visite“. Er schickte Pat nach Hause. Wie lange Greenson blieb, ob er ging und wiederkam, dazu gibt es unterschiedliche Versionen.

Die Monroe führte diverse Telefonate. Joe DiMaggios Sohn sprach gegen halb acht am Abend mit ihr. Sie lachten. Mit dem Autor José Bolanos telefonierte sie noch um 22 Uhr. Allerdings wurde das Gespräch plötzlich beendet. Der Publizist Arthur Jacobs wiederum behauptete, er selbst sei um etwa 22 Uhr bereits über den Tod der Diva informiert worden. Die Polizei aber wurde offiziell erst am folgenden Morgen um 4 Uhr 25 gerufen. Damit beginnt das Wirrwarr widersprüchlicher Aussagen.

Was auch immer in dieser Nacht geschah, am nächsten Morgen lag der Körper einer „36-jährigen, wohlentwickelten, wohlgenährten Weißen“ auf dem Obduktionstisch. „Körpergewicht 53 Kg, Körpergröße 166 cm. Die Kopfhaut … mit blond gebleichtem Haar bedeckt.“ Über sie gebeugt sind der die Autopsie leitende Dr. Noguchi und der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt John W. Miner.

Die Polizei ging zu diesem Zeitpunkt bereits von einem Selbstmord aus. Da auch die beiden Männer keine Spuren von Gewaltanwendung entdeckten, tippten sie auf eine Überdosis. Der Magen aber war „fast völlig leer … Es sind keine Tabletten-Rückstände feststellbar.“ Geschluckt hatte sie also offensichtlich nichts. Noguchi und Miner suchten daraufhin auch an ungewöhnlichsten Stellen nach Einstichen. Doch auch Injektionsspuren waren nicht zu finden.

Das Blut der Toten enthielt, neben einer nicht tödlichen Konzentration von acht Milligramm Chloralhydrat, tödliche 4,5 Milligramm Nembutal, die Leber 13 Milligramm. Ein Indiz dafür, dass das Gift nicht injiziert worden war. Die tödliche Wirkung hätte in diesem Fall eingesetzt, bevor der Abbauprozess in der Leber so weit fortgeschritten wäre. Nur wie war das Gift in den Körper gelangt? Die Männer erhofften sich Aufschluss von den in Auftrag gegebenen Gewebeproben. Die aber waren am nächsten Tag verschwunden. Der Fall wurde als Selbstmord behandelt, weitere Untersuchungen für überflüssig erklärt. John W. Miner hat so etwas in seiner Karriere nie wieder erlebt.

Viele Fragen blieben unbeantwortet, wurden nicht einmal gestellt. So war genug Raum für Spekulationen.

DIE MAFIA-THEORIE

Chuck Giancana enthüllte in einem Buch über seinen Bruder, damals ein berüchtigter Mafia-Pate, ein besonders perfides Komplott: Sam Giancana habe den Star ermorden lassen, um Robert Kennedy, damals Justizminister im Kabinett seines Bruders John F. Kennedy, den Mord anzuhängen. Der mächtige Mafioso hatte eine Rechnung mit den Kennedys offen, fürchtete deren Kreuzzug gegen das organisierte Verbrechen. Die Mafia wusste von Roberts Beziehung zu Marilyn, und dass er sich von ihr trennen wollte, um seine Ehe und Karriere zu schützen. Sie hatten einen Streit der beiden in Monroes Haus am Nachmittag des 4. August belauscht. Nachdem Kennedy einen Arzt bestellt hatte, um sie zu beruhigen, und beide Männer gegangen waren, schlugen die Profikiller „Needles“ und „Mugsy“ zu. Sie betäubten die Diva und führten ihr ein tödliches Zäpfchen ein. Chuck Giancana lieferte keine Beweise, aber seine Story passt zum Obduktionsbericht.

DIE FBI-VARIANTE

Andere glaubten gar, Robert Kennedy habe persönlich Hand angelegt. Selbst Kubas Fidel Castro gehörte zum Kreis der Verdächtigen. Die Fantasiebegabtesten behaupteten, die Monroe sei gar nicht tot. Im Rahmen eines FBI-Zeugenschutz-Programmes zum Beispiel lebe sie im Mittleren Westen oder hüte Schafe in Australien.

DIE KENNEDY-THEORIE

Sorgfältiger recherchierte der britische Enthüllungsautor Anthony Summers. Auch er konzentrierte sich auf Monroes Beziehung zu den Kennedys. Summers zitiert unter anderem einen FBI-Vermerk, wonach der Mafia-Pate Giancana gedroht hatte auszupacken über die Kennedys und ihr Liebesleben. Außerdem beruft er sich auf die späte Aussage des britischen Schauspielers Peter Lawford.

Der smarte Partylöwe war mit den Kennedys verschwägert und sowohl mit ihnen als auch Marilyn eng befreundet. Kurz vor seinem Tod 1984 gab der inzwischen schwere Alkoholiker eine Geschichte preis, die er jahrelang ganz anders erzählt hatte.

Demnach habe Robert Kennedy Marilyn heimlich am Nachmittag des 4. August besucht, um ihr seine Trennungsabsichten zu erklären. Lawford sollte vermitteln. Marilyn reagierte so hysterisch, dass sie ihren Psychiater Dr. Greenson riefen, um sie irgendwie ruhig zu stellen.

Als Lawford aber, zurück in seinem Strandhaus, am Abend mit Marilyn telefonierte, konnte sie kaum sprechen. Sie lallte etwas ins Telefon, das wie Abschied klang: „Sag auf Wiedersehen zu Pat, sag auf Wiedersehen zum Präsidenten und Wiedersehen zu dir, weil du ein netter Kerl bist.“ Kennedy und Lawford seien zu ihr zurückgerast und hätten den Krankenwagen gerufen. Marilyn Monroe aber starb noch während der Fahrt. Sie kehrten um und inszenierten die Leiche auf dem Bett. Mitarbeiter des FBI sorgten noch in der Nacht dafür, dass jegliches Beweismaterial entfernt wurde.

Lawford, dessen Strandhaus für wilde Partys mit illustren Gästen bekannt war, gehörte sicher zu denen, die am meisten wussten über Marilyns Tod. In einem letzten Interview für die „L. A. Times“ hielt er aber wieder an der alten Fassung seiner Geschichte fest, in der Kennedy keineswegs in Monroes Haus gewesen war. „Selbst wenn die Gerüchte wahr sein sollten, würde ich das niemals, unter keinen Umständen, zugeben“, schloss er eigentümlich ab. „Ich würde und könnte Ihnen nichts, nicht ein einziges Wort, darüber erzählen.“

Ein Callgirl behauptete später, dass Lawford ihr für eine Nacht 1000 Dollar gezahlt hatte. Er wollte nur in ihren Armen liegen und „weinte stundenlang über das, was mit Marilyn geschehen war“. Sagen wollte er nichts: „Es ist zu schrecklich … Es ist besser, wenn du nichts davon weißt.“

DIE KRANKENSCHWESTER-THEORIE

Ganz anders liest sich das Ende der Diva in Donald Spotos Monroe-Biografie. Seine Hauptverdächtigen: Marilyns Psychiater und ihre Haushälterin, die seltsame Pseudo-Krankenschwester Eunice Murray. Dr. Greenson war angeblich besessen von seiner Patientin und hatte ihr Murray untergeschoben, damit die ihm täglich Rapport aus Monroes Haus liefern konnte. Eine Verwicklung der Kennedys hält Spoto für unwahrscheinlich. Er glaubt, es seien gezielt Informationen ausgestreut worden, die einen solchen Verdacht nähren sollten. Aber die Zeugen, Polizei- und Geheimdienst-Beamte, fielen als fanatische Kommunistenjäger und Kennedy-Gegner auf.

Spoto schließt aus dem Autopsie-Bericht, dass das Gift rektal verabreicht wurde. Die Monroe ließ sich von ihrer Haushälterin regelmäßig Einläufe geben, zur Entschlackung, zur Schönheitspflege. Ein Klistier gehörte damals in jeden gut ausgestatteten Haushalt.

Ob man den Giftmischern tatsächlich Mordabsichten unterstellen kann, lässt Spoto offen. Vielleicht wollte Mrs. Murray ihrer Chefin auch nur zu einem tiefen Schlaf verhelfen? Die Wirkung war jedenfalls endgültig, die tödliche Dosis entsprach etwa 40 bis 50 Kapseln.

Ein weiteres Indiz für die Verstrickung von Murray und Greenson sind ihre widersprüchlichen Angaben zur Todesnacht und der merkwürdige Aktionismus der Haushälterin: Als die Polizei um 4 Uhr 35 am Tatort eintrifft, wäscht sie gerade Wäsche – Bettwäsche.

DER STAATSANWALT

John W. Miner, der damals ermittelnde Staatsanwalt, ist heute 87 und längst im Ruhestand. Bei einem Gespräch bei seinem Lieblingsitaliener im Herzen von Los Angeles skizziert er folgendes, trauriges Szenario: „Miss Monroe wurde mit der schnellwirkenden ,Knock Out‘- Droge, Chloralhydrat, zunächst betäubt, dann verabreichte wer auch immer ihr ein Klistier mit den in Wasser aufgelösten tödlichen Nembutal-Kapseln.“ Im Obduktionsbericht wurde außerdem „eine markante Blutstauung und violette Verfärbung im Dickdarm“ erwähnt. Anzeichen einer entzündlichen Reaktion – auf Gift zum Beispiel.

Miner erzählt auch von Berührungspunkten zwischen CIA und Mafia, Sinatra, Lawford, der Monroe, dem FBI und den Kennedy-Brüdern, die beiden hielt er aber zu keiner Zeit für schuldig.

Doch an der sorgfältigen Vertuschungsaktion waren sie beteiligt, davon ist er überzeugt: „Die Anweisungen kamen von oben – ganz oben“. Die Kennedys hätten ein ureigenes Interesse daran gehabt, dass der Fall Monroe als „Selbstmord“ keine Ermittlungen nach sich zog. Die Brüder wären unweigerlich hineingezogen worden. Pikante Details aus dem Privatleben aller Beteiligten hätten ihre politische Karriere ruiniert.

Miner wird lauter und deutlicher. Er zieht Papier aus einer schwarzen Aktentasche: Mitschriften zweier Tonbänder, besprochen von Marilyn Monroe. Unfähig bei ihrem Psychiater die Gedanken fließen zu lassen, hatte Monroe eine Sitzung „freie Assoziation“ zu sich allein nach Haus verlegt, das Tonbandgerät laufen lassen und die Bänder ihrem Arzt geschenkt.

John Miner hat niedergeschrieben, was Greenson ihn vor fast 44 Jahren hören ließ. Mit dem, was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, wollte der Psychiater ihn damals überzeugen, dass diese Frau eines sicher nicht hatte: Selbstmordabsichten. „Ich habe ihnen noch ein Geschenk gemacht“, heißt es dort, „ich habe alle meine Scheißpillen in die Toilette geworfen. Sie sehen, wie ernst ich es damit meine.“

Miner durfte Notizen machen, mit dem Versprechen, den Inhalt niemals preiszugeben. Doch inzwischen will der Jurist „Miss Monroe vom Stigma des Selbstmords“ befreien, „in der Zeit, die mir noch bleibt“. Bis heute könne er den Eindruck, den diese Bänder auf ihn machten, nicht vergessen. Er habe eine Frau gehört, ganz anders als erwartet, „selbstbewusst, feinsinnig, witzig und sinnlich. Voller Pläne.“ Eine Träne läuft ihm über die Wange, als er davon erzählt, der hartgesottene Ermittler, der schon so viele Todesfälle bearbeitet hat. Der Mann weiß, dass er weder beweisen kann, dass es die Bänder gab, noch, dass er den Wortlaut protokolliert hat.

1982 wurde schon einmal versucht, den Fall neu aufzurollen. Der Staatsanwalt, John Van de Kamp, kam damals zu dem Ergebnis: „Die Fakten ergeben nichts, was auf ein faules Spiel hinweisen könnte.“ Und er empfahl, Miss Monroe doch in Frieden ruhen zu lassen.

Miner sieht das anders: „Wir sind sie ihr schuldig, die Wahrheit.“ Eine Exhumierung und Re-Autopsie würde sie endgültig ans Tageslicht bringen.

Über Miner hängen Schwarz-Weiß-Fotos an der Wand. Das Lokal hat offenbar bessere Zeiten und berühmtere Gäste gesehen. Liza Minnelli saß hier, Sinatra und – die Kennedys.

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