Kultur : Tod eines Bürstenbartträgers

Hitler und die Deutschen: Nach der Dämonisierung und Verdrängung folgt die Entzauberung

Harald Martenstein

Im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, in einer Kneipe namens „nbi“, findet regelmäßig eine bei der urbanen Jugend hochbeliebte Veranstaltung namens „Supatopcheckerbunny“ statt. Es ist eine Art Talkshow, die Moderatorin trägt ein Playboy-Bunny-T-Shirt. Letztes Mal ging es um Ernährungfragen, gemeinsam aß man eklige Lebensmittel aus aller Welt, zum Beispiel vergorene japanische Bohnen.

Die Veranstaltung ist weder ironisch noch ernsthaft, sondern irgendetwas dazwischen, ambivalent-sentimental vielleicht, ein Wort für diese geistige Haltung gibt es noch nicht. „Supatopcheckerbunny“ ist das, was nach dem Protest, der Negation und der Politisierung der Siebziger-, Achtziger- und nach den affirmativen Karriere-Allmachts-Fantasien der Neunzigerjahre in der Jugendkultur kommt: ein Versuch, wissend und gleichzeitig naiv auf die Welt zu schauen. „Das sind die Kinder von Harald Schmidt“, sagt der Soziologe Michael Rutschky. So wie im „nbi“ hätte man vor zehn Jahren nicht gesprochen, so wäre niemand aufgetreten, mehr noch: Man hätte diese geistige Haltung gar nicht verstanden. In ein paar Jahren wird auch das wieder vorbei sein.

Was hat das alles mit Hitler zu tun? Unser Blick auf die Welt ist historisch, er altert und ändert sich, wie alles. Das gilt auch für unseren Blick auf die Nazis. Vor einigen Wochen lud der Regisseur Lutz Hachmeister einige Journalisten zur Premiere des Films „Das Goebbels-Experiment“ über Hitlers Propagandaminister, den er zusammen mit Michael Kloft gemacht hat und der in ein paar Monaten in die Kinos kommt. Gemeinsam fuhr man mit dem Bus zur „Villa Bogensee“, Goebbels’ Sommerhaus, das nahezu unverändert dasteht. Der Schauder, die Goebbelsfamilie im Film in genau den Räumen sitzen zu sehen, in denen man jetzt gerade selber saß, war Teil der Premiereninszenierung. Es hatte etwas von Geisterbahn.

Auch das hätte man vor zehn Jahren eher nicht gemacht. „Das Goebbels-Experiment“ besteht ausschließlich aus Dokumentaraufnahmen, auch Privatfilmen der Familie, zu denen der Schauspieler Udo Samel jeweils passende Stellen aus Goebbels-Tagebüchern vorliest. Es gibt keinen „distanzierenden“ oder „einordnenden“ Kommentar. Man sieht und hört immer nur Goebbels. Daraus entsteht ein Psychogramm des ersten modernen Medienpolitikers, dessen vermutlich wichtigstes Kennzeichen seine Mischung aus Wehleidigkeit und Brutalität ist. Die Methode erinnert an Romuald Karmakars „Himmler-Projekt“ von 2001, in der Manfred Zapatka betont sachlich die Geheimrede vortrug, mit der Himmler Ende 1943 vor SS-Führern die Ausrottung der Juden ankündigte und begründete.

Noch bei Karmakar wurde hin und wieder die Frage gestellt, ob man „so“ an dieses Thema herangehen dürfe. Bei Hachmeister dürfte sie, wenn überhaupt, nur noch ganz leise gestellt werden. Der Blick hat sich verändert. Das Bewusstsein deutscher Schuld und die Verurteilung der Nazis sind feste Bestandteile deutscher Identität geworden, beides ist bei der Mehrzahl der Deutschen so fest im Bewusstsein verankert wie die Kenntnis der Grundrechenarten. Darauf darf die Kunst nicht nur reagieren, sie muss es sogar. Sie hat es nicht nötig, pädagogische Kärrnerarbeit zu leisten, sondern hat Freiraum gewonnen für Neugier und sogar Unterhaltung. Karmakar und Hachmeister haben Filme für ein intellektuelles Publikum gemacht. Mit Bernd Eichingers und Oliver Hirschbiegels „Untergang“ aber ist der neue, man könnte sagen: unbefangenere Umgang mit Nazithemen im deutschen Mainstream-Kino angekommen. „Der Untergang“ ist, so gesehen, ein Werk von kulturhistorischer Bedeutung, egal, ob man den Film nun gelungen oder misslungen findet.

Sogar Jack the Ripper, als Verbrecher ein kleiner Fisch neben Hitler, ist bis heute ein interessanter Stoff. Das Dritte Reich ist, neben vielem anderen, eben auch ein Drama, wie Nero, Napoleon oder der Untergang Roms. Vermutlich wird es noch in Hunderten von Jahren weltweit ein Publikum für Nazifilme geben. Die Nazis sind, außerhalb Deutschlands, ein nicht unwichtiger Teil der Popkultur geworden. Sie sind die Gegner von Harrison Ford in den „Indiana Jones“-Abenteuerfilmen; im Trickfilm „Chicken Run“ sieht sogar eine Hühnerfarm aus wie ein KZ, mit Schornstein und Stacheldraht. Und das Ende Hitlers im Bunker gibt dramatisch mindestens so viel her wie der Brand Roms, im Gegensatz zu einem Diktator wie Stalin, der auf langweilige Weise im Bett gestorben ist und für den langweiligerweise Machterhalt wichtiger war als die Eroberung der Welt.

Im deutschen Umgang mit dem Drama Hitler gab es in den ersten Jahrzehnten zwei große Linien. Einerseits die Dämonisierung. Das, meist unausgesprochene, Leitmotiv bei fast jeder Annäherung an die Person Hitler stammt von Brecht und lautete: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Hitler war der große Verführer, von dem man nicht wusste, wie stark seine Anziehungskraft immer noch sein würde, wenn man es wirklich wagte, sich dieser Kraft auszusetzen. Deswegen gab es in den ersten Jahrzehnten im deutschen Spielfilm – nur dort, nicht in anderen Ländern – ein unausgesprochenes Tabu, Hitler zu zeigen. Er war höchstens wenige Sekunden lang zu sehen. Eine Figur wie der dunkle Fürst Voldemort in den Harry-Potter-Romanen, mythisch aufgeladen, von geheimnisvoller Macht. Das Tabu galt noch 1981, in Fassbinders „Lili Marleen“.

Ausnahmen gab es. Zum Beispiel sind die letzten Tage im Führerbunker schon zwei Mal verfilmt worden, das erste Mal 1955, von dem in Wien geborenen Regisseur G.W.Pabst. In „Der letzte Akt“, an dessen Drehbuch Erich Maria Remarque mitschrieb, spielt Oskar Werner einen Offizier, den Hitler gibt Albin Skoda, eine Burgtheatergröße. Fast niemand wollte den Film sehen. Der nächste deutsche Film über den Tod eines Bürstenbartträgers entstand im Jahr der Wiedervereinigung, 1989. Christoph Schlingensief verjagt in „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“ die Dämonen mit den Waffen der Farce. Es wird viel gebrüllt. Udo Kier ist Hitler.

Die zweite große Linie im Umgang mit Hitler war neben der Dämonisierung natürlich die Verdrängung. Sie äußerte sich in einem zweiten oft gesagten, oft gehörten Satz der Nachkriegsjahre: „Hört das denn nie auf?“ Es waren die einstigen Mitläufer, die von Anfang an den Schluss der Debatte forderten, obwohl die Debatte noch gar nicht begonnen hatte.

In einem Punkt waren ehemalige Mitläufer und antifaschistische Pädagogen sonderbar einig. Beide überhöhten und dämonisierten mindestens die Person Hitler, manchmal die Nazis insgesamt. In einem Aufsatz der Zeitschrift „epd Film“ wird daran erinnert, dass es von Anfang an, seit 1945, und vor allem in den Fünfzigerjahren recht viele deutsche Filme über das Dritte Reich gab. Das Thema wurde keineswegs totgeschwiegen und, wie es der Mythos behauptet, erst von den 68ern ins Licht gezerrt. In den Filmen wird allerdings fast regelmäßig eine emotionale Opposition des normalen, guten Deutschen, vor allem des Frontsoldaten, zu einem übermächtigen Regime konstruiert. Die Deutschen waren keine Nazis, sie wurden verhext! Noch Joseph Vilsmaiers „Stalingrad“ und Roland Suso Richters „Nichts als die Wahrheit“, mit Götz George als KZ-Arzt Mengele, zwei relativ neue Filme, stehen in dieser Traditionslinie – auf der einen Seite der brave, unschuldige Frontsoldat, auf der anderen Seite die übermenschlich böse Nazibestie.

Es bedeutet also keineswegs eine Verharmlosung, wenn Hitler, Himmler und Goebbels uns nun mit menschlichen Zügen entgegentreten: als Leute wie alle anderen, auch mit Momenten, die sie sympathisch wirken lassen. Es ist sogar das Gegenteil einer Verharmlosung. Sie besaßen keine Zauberkräfte: Je normaler und undämonischer die Nazis wirken, desto schwerer wiegt die Schuld derjenigen, die ihnen auf ihrem Weg gefolgt sind. Wahrscheinlich musste die Generation, aus der Täter und Mitläufer kamen, erst aus dem öffentlichen Leben abtreten, damit dieser Blick möglich wurde. Zu der Entzauberung gehört auch die Erkenntnis, dass für ein heutiges deutsches Publikum vom Anblick eines älteren Mannes mit Bürstenschnurrbart keinerlei Verführungsgefahr mehr ausgeht. Jedenfalls nicht mehr Gefahr als für ein Publikum aus Frankreich oder Irland, egal, was dieser Mann auf der Leinwand tut oder sagt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar