Tod eines Filmstars : Hart werden – oder untergehen

Der Ufa-Star Joachim Gottschalk. beging 1941 mit seiner Familie Selbstmord, weil er sich nicht von seiner jüdischen Frau trennen wollte. Nun kommt eine wiederentdeckte Erzählung des Regisseurs Hans Schweikart aus der Nachkriegszeit heraus, die an den Fall des Schauspielers erinnert.

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Drehte sieben Filme in drei Jahren: Joachim Gottschalk auf dem Höhepunkt seines Erfolgs
Drehte sieben Filme in drei Jahren: Joachim Gottschalk auf dem Höhepunkt seines ErfolgsFoto: imago/Arkivi

Berlin 1934. Die Schauspieler Gregor Maurer und Lilly Hollmann haben einen jüdischen Kollegen zum Bahnhof Zoo gebracht, wo sein Weg in die Emigration beginnt. „Dann ist ihr einziger und bester Freund fort – und die beiden gehen stumm durch die vielen Menschen. Zeitungsverkäufer schreien ,Völkischer Beobachter!‘ und ,Der Angriff!‘ und ,Der Stürmer!‘ “ Mitten im Gewühl fragt Gregor Lilly, ob sie ihn heiraten will. „Sie sind am Olivaer Platz. Da stehen die Judenbänke. Dicht besetzt. Die jungen Menschen, die dort im Halbdunkel sitzen, singen leise.“ Und Lilly antwortet: „Gut.“

Die Szene stammt aus der Erzählung „Es wird schon nicht so schlimm!“ von Hans Schweikart. Die Nationalsozialisten regieren erst seit einem Jahr, aber es ist schon ziemlich schlimm. Parteiblätter wie der „Völkische Beobachter“, „Der Angriff“ und das Hetzorgan „Der Stürmer“ verbreiten rassistische Lügen, Juden dürfen nicht mehr mit sogenannten „Ariern“ auf einer Bank sitzen. Gregor und Lilly haben sich nie mit Politik beschäftigt, aber nun müssen sie es. Denn Lilly ist Jüdin, deshalb hat sie gerade ihr Engagement an einem Theater verloren. Die Ausreise aus Deutschland kommt für sie nicht infrage, „sie will nicht von den Nazis gezwungen sein, bestenfalls Stubenmädchen in einem Schweizer Hotel zu werden“.

„Es wird schon nicht so schlimm!“ handelt von einem Verhängnis, das schleichend, beinahe unmerklich beginnt. Als Gregor und Lilly ein Kind, einen Jungen, bekommen, werden die Nürnberger Rassegesetze erlassen. Ihre Ehe gilt nun als „Mischehe“, der Sohn als „Mischling ersten Grades“. Doch die Liebenden lassen die Wirklichkeit nicht durchdringen zu sich, „sie versuchen, in einer fiktiven Welt zu leben“. Gregor stürzt sich in die Arbeit, spielt bald Hauptrollen am Theater, dreht Filme, wird von Kolleginnen und Fans umschwärmt. Lilly zieht sich immer mehr zurück.

Dann beginnt der Krieg, die Lebensbedingungen verschärfen sich weiter. Juden, heißt es, würden „in den Osten verschickt“. Gregor wird gedrängt, sich scheiden zu lassen. Als er sich weigert, soll er an die Front einberufen werden. Doch Gregor und Lilly wollen sich nicht trennen lassen. Sie begehen gemeinsam mit dem Sohn Selbstmord, indem sie Schlaftabletten schlucken und den Gashahn aufdrehen. Im Abschiedsbrief steht: „Wir sind nicht traurig, vergesst das nicht. Es ist alles ganz einfach.“

Hans Schweikart hat seine Erzählung 1946 geschrieben, doch als Buch erscheint sie erst jetzt zum ersten Mal. Dabei war der Text, den Schweikart im Untertitel einen „Filmvorschlag“ nannte, die Vorlage für einen der berühmtesten Filme der Nachkriegsjahre. Kurt Maetzig, der das Defa-Drama „Ehe im Schatten“ 1947 inszenierte, hatte als Sohn einer jüdischen Mutter die NS-Zeit nur mit Glück überstanden. Seine Mutter wählte, wie das Paar im Buch und im Film, den Suizid als letzten Ausweg.

„Es wird schon nicht so schlimm!“ folgt einem realen Fall, der Geschichte des Schauspielerpaars Joachim und Meta Gottschalk, die im November 1941 mit ihrem Sohn Michael in ihrer Wohnung in Berlin-Grunewald freiwillig aus dem Leben schieden. Joachim Gottschalk, 1904 in der brandenburgischen Kleinstadt Calau geboren, war nach Stationen in Stuttgart, Leipzig und Frankfurt in Berlin zum Theater- und Filmstar aufgestiegen. Von 1938 bis 1941 drehte er sieben Filme, darunter das Liebesdrama „Eine Frau wie Du“, das Unternehmer-Biopic „Du und ich“ und den Kriegsfilm „Aufruhr in Damaskus“, den Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch feierte: „Großartig in Milieu, Tendenz und Haltung. Wieder ein Wurf.“

Andere Stars des „Dritten Reichs“ haben sich auf Druck der Machthaber von ihren jüdischen Frauen getrennt. Heinz Rühmann lässt sich von seiner ersten Frau Maria Bernheim scheiden, arrangiert für sie eine Hochzeit mit einem schwedischen Schauspieler und unterstützt sie finanziell im Exil. Hans Albers erklärt in einem Brief an Goebbels seine Trennung von seiner Lebensgefährtin Hansi Burg. Heimlich treffen sie sich weiter. Burg emigriert über die Schweiz nach England, nach dem Krieg lebt Burg wieder mit Albers zusammen.

Für Joachim Gottschalk kommt solch eine Trennung der Karriere zuliebe nicht infrage. Selbst als Hans Hinkel, als Sonderbeauftragter für die „Entjudung“ des Kulturbetriebs zuständig, ihn ins Propagandaministerium bestellt und ultimativ auffordert: „Sie werden sich scheiden lassen, Herr Gottschalk!“, bleibt er standhaft. Die Konsequenz: ein Arbeitsverbot. Der Regisseur Veit Harlan darf Gottschalk auf Weisung von Goebbels nicht in seinem Film „Die goldene Stadt“ besetzen. Und an der Volksbühne, zu deren Ensemble der Schauspieler gehört, werden die Proben mit ihm für ein Stück über August den Starken abgesetzt. Gottschalk reagiert mit Sarkasmus: „In diesen Zeiten wird man hart, oder man geht unter.“

Hans Schweikart, der im Hauptberuf Regisseur war, kannte Gottschalk gut. Sie hatten sich im Sommer und Herbst 1940 angefreundet, als auf Hiddensee ihr Film „Das Mädchen von Fanö“ entstand. Schweikart, ein gebürtiger Berliner, brachte es zum Produktionschef der Bavaria, doch sein Verhältnis zum Regime schwankte zwischen Opportunismus und Distanz. Seine Position ermöglichte es ihm, sich für „jüdisch versippte“ Mitarbeiter einzusetzen. Schweikart hatte bereits mehrere Romane veröffentlicht, als er „Es wird schon nicht so schlimm!“ schrieb.

Lesenswert ist seine nun wiederentdeckte Erzählung noch heute, weil sie die Unmenschlichkeit der Jahre unter dem Hakenkreuz immer wieder in prägnanten Szenen verdichtet. Da muss die Verkäuferin eines Lebensmittelladens eine jüdische Kundin wegschicken, weil sie sich nicht an die vorgeschriebene Einkaufszeit gehalten hat, und bricht in Tränen aus. Ihre Selbstanklage lautet: „Und wir haben die noch selbst gewählt!“ Anderen Zeitgenossen ist das Schicksal der jüdischen Nachbarn egal, auf Gerüchte über Verbrechen reagieren sie mit Abwehr: „Auslandspropaganda!“ Schweikart war ein präziser Beobachter, wer genau hingeschaut hat – das ist die Botschaft seines Textes –, der wusste vom Holocaust.

Die Familie Gottschalk war kein Einzelfall. Bis 1945 nahmen sich in Berlin fast zweitausend Juden und Jüdinnen das Leben. Der Rabbiner Martin Riesenburger, der den jüdischen Friedhof in Weißensee betreute, erinnerte sich später: „Es hat Wochen gegeben, in denen die Anzahl der Freitode so groß war, dass wir oft bis in die Abendstunden hinein Beerdigungen vollzogen.“ Es gab nicht viele Berliner, die den Mut besaßen, den Särgen zu folgen.

Hans Schweikart: Es wird schon nicht so schlimm! Hg. von Carsten Ramm, Verbrecher Verlag, Berlin 2014. 120 S., 12 €.

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