Kultur : Tod im Bad

Das Verwirrspiel „Wahre Lügen“

Christiane Peitz

Sie sind das Show-Duo der fünfziger Jahre: Lanny und Vince sind komisch und cool, melancholisch und messerscharf. Der eine, Lanny (Kevin Bacon), sagt die bösen, politisch unkorrekten Sätze, der andere (Colin Firth) weist ihn zurecht: Auf diese Weise kann Amerika auch seine eigene, fiese Seite mögen. Die beiden treten in Wohltätigkeits-Marathons auf, die Nation liegt ihnen zu Füßen – von den Frauen zu schweigen.

Es war einmal in Hollywood: Atom Egoyan möchte in „Wahre Lügen“ die Kehrseite des Hollywood-Glamours erhellen. Der kanadische Filmemacher kennt das Vexierspiel um das eigene Ich, um Trauma und Tabu, seit seiner Kindheit als Migrantensohn. Mit „Der Schätzer“, „Exotica“ oder „Das süße Jenseits“ wurde er zum Mysterienmeister des Autorenkinos. Aber diesmal geht es nicht um intime Familienbande, sondern um Identität und Rollenspiel zweier Entertainer.

Als in der Badewanne von deren Hotelsuite die Leiche des schönen Zimmermädchens Maureen gefunden wird, sinkt der Stern der beiden; Karriere und Freundschaft sind perdu. 15 Jahre später will die ehrgeizige Journalistin Karen (Alison Lohman) den mysteriösen Fall aufklären, Lanny war einst ihr Idol. Bei den Begegnungen mit den alternden Komödianten gerät Karen in ein Labyrinth der Erinnerungen und Selbstinszenierungen. Kino als Ego-Thriller, Maskenspiel und Spiegelkabinett: Jeder erzählt seine Version der Geschichte, und der Film blendet die Legenden übereinander, auch wenn sie sich widersprechen. Die Wahrheit: eine Mehrfach-Projektion, ein Puzzle, dessen Teile nicht zusammenpassen. Aber Egoyan verliert sich an den schönen Schein: Wer bitte erzählt die Geschichte, wer kontrolliert die Fantasie? Hauptsache Verwirrung; die Spiegel zersplittern in tausend Teile. Dahinter treten die üblichen Versatzstücke eines Lebens voller Dollars und Drogen, Verführung und Sex zutage.

Trauer und Verlust, Männerfantasie und Mädchentraum, Einsamkeit, Erotik, latente Gewalt: Die laszive Atmosphäre, die Atom Egoyan etwa in „Exotica“ auf die Leinwand zauberte, bleibt diesmal bloßer Oberflächenreiz: eine künstliche Welt, angereichert um einen mal geschmeidigen, mal bombastisch symphonischen Soundtrack und ein veritables Stimmengewirr aus dem Off. Irgendwann interessiert sich der Zuschauer nicht mehr dafür, ob Maureens Tod in der Badewanne nun ein Mord war oder ein Unfall und ob als Täter womöglich der Butler in Frage kommt. Als Ausstattungsfilm changiert „Wahre Lügen“ zwischen dem Design der fünfziger und der siebziger Jahre. Ein Psychodram wird nicht daraus. Nur ein kühl konstruiertes Bilderrätselwerk, das nicht einmal versucht, die Glut unter dem Eis zu entfachen.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, fsk am Oranienplatz, Kino der Kulturbrauerei, OV im Cinestar Sony-Center, OmU in den Hackeschen Höfen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben