Kultur : Tod im Chaos

Raul Hilberg in Berlin: neue Erkenntnisse der Holocaust-Forschung

Christian Böhme

Holocaustforscher. So nennen sich viele, die sich mit dem Unfassbaren beschäftigen. Doch nur auf einige wenige trifft diese Bezeichnung auch zu. Ihnen gelingt es, das Warum und das Wie der Shoa andeutungsweise zu erklären. Raul Hilberg ist einer der wenigen. Einer, dessen Werk sich durch unbequeme geistige Unabhängigkeit und Mut zum moralischen Urteil auszeichnet.

Seit 1945 bewegt Hilberg vor allem die schriftliche Hinterlassenschaft der Täter. Damals fand der geborene Wiener als amerikanischer Soldat in München ein paar Kisten, die Hitlers Privatbibliothek enthielten. Seitdem hat der heute 76-Jährige fast nichts anderes gemacht, als Akten und Dokumente zu studieren. Wie kein anderer vermag er es, die „Quellen des Holocaust“ (so lautet der Titel seines neuen, im S. Fischer Verlag erschienen Buches) zum Sprechen zu bringen. Kaum ein Schriftstück, das der Historiker nicht kennt und schon mal interpretiert hat.

Kann so einer noch Neues entdecken? Er kann. Sogar, wenn es um Auschwitz geht. Am Mittwoch ging Hilberg im Berliner Martin-Gropius-Bau der Entstehungsgeschichte des Arbeits- und Vernichtungslagers nach. Seine Grundlage: Akten der Zentralen Bauleitung der SS. Zentrale Bauleitung – das klingt nach weitsichtiger Planung für ein konkretes Ziel. Das Gegenteil war der Fall. Hilberg kann nachweisen, dass der Tod für Hunderttausende aus dem Chaos kam. „Lange Zeit suchte Auschwitz nach seinem Zweck.“ Als die SS im April 1940 das Lager von der Wehrmacht übernimmt, ist überhaupt nicht klar, was damit geschehen soll. Das diffuse Ziel: einen Bau für etwa 10 000 Insassen errichten. Doch wer soll da rein? Deutsche, die unter Quarantäne gestellt werden müssen? Oder Polen aus den besetzten Gebieten? Die Fragen bleiben unbeantwortet. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion Mitte 1941 ist von einem Lager für russische Kriegsgefangene die Rede. Die Ermordung von Juden kommt erst in Betracht, als sich Anfang 1942 die Rassenpolitik der Nazis radikalisiert. Ende Februar bestellt die Bauleitung bei der Firma Topf fünf Öfen, für die Verbrennung von vergasten Menschen.

Doch der Schriftwechsel der Bauleitung zeigt, wie schwierig es in Kriegszeiten war, ein Vernichtungslager aufzubauen. Strom- und Wasserleitungen, Wachtürme, Baracken und Vernichtungsstätten wurden benötigt. Aber es gab kaum Material, der Reichsbahn fehlten Transportkapazitäten. Die Verwaltungen stritten über Kompetenzen. So dauerte die Errichtung der Krematorien bis zu neun Monate. Anfang 1943 sah sich Hitler sogar genötigt, den rascheren Ausbau von Auschwitz anzumahnen. Die Tötungsmaschine funktionierte ihm nicht gut genug. Dabei war Auschwitz das Werk von vielen. Allein 200 private Firmen hat Hilberg gezählt. Und jeder der Beteiligten trug dazu bei, Auschwitz möglich zu machen.

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