Kultur : Tod im Frühling

CHRISTOPH FUNKE

Ein "vergehendes Flüstern" noch, und dann kommt der Tod.Im Frühling, während einer Jahreszeit, deren Lebensauftrieb Rosalie von Tümmler immer geliebt hat.Die Heldin in Thomas Manns Novelle "Die Betrogene" erlebt und durchleidet in ihrem Schicksal die Mystifikation, die Vieldeutigkeit naturhafter Vorgänge.1953 erschienen, geht die Erzählung dem Tode des Schriftstellers nur knappe zwei Jahre voraus, ist ein umstrittenes und vieldeutiges Abschiedswerk.Im Ringen um schöpferische Kraft, im mühsamen Zurückdrängen von Müdigkeit und Resignation nach der unsicheren Heimkehr aus den Vereinigten Staaten will Thomas Mann noch einmal Jugend feiern, Kindlichkeit - und eine nicht mögliche Liebe.Ersehnt er für sich den "milden Tod", den er Rosalie von Tümmler trotz schlimmster Krebserkrankung gnädig zuteil werden läßt? Baut er auf einen Trotz, der schöpferischen Anspruch, unverkrampft und überlegen, bis zum letzten Augenblick bewahrt?

Es ist, als würde Inge Keller bei der Lesung der Novelle im "theater im palais" diesen Fragen nachsinnen.Sie verbirgt ihr Staunen über Thonas Manns kunstvoll gearbeitetes Erzählwerk nicht, begegnet seinen artigen Verzierungen mit gescheitem Humor, mit einer Spur Ironie.Da schwingen Endsilben langsam aus oder werden genau herausgearbeitet, wie zurechtgehauen.Satzfiguren, so scheint es, entstehen gerade erst beim Lesen, erleben einen untergründig amüsierten Aufbau.Die Leserin gleicht sich den Figuren nicht an, macht sie sich nicht zu eigen, beobachtet sie eher von außen - verständnisvoll, warmherzig und eben nicht ohne Spott, der gütig ist und alles verzeiht.Inge Keller offenbart die Architektur der Novelle, freut sich an ihrem Formbewußtsein und ihrer hohen emotionalen Spannung, wahrt aber immer die Offenheit gegenüber einem Text, der so heiter lebenszugewandt und so dunkel todessehnsüchtig ist.Sie schließt die Novelle in ihrem ganzen Reichtum auf - geformte Sprache, so dargeboten, wird zum Ereignis.

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