Kultur : Tod in Turin

Der italienische Schriftsteller Franco Lucentini, Autor-Partner von Carlo Fruttero, nimmt sich das Leben

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Egal bei welchem Anlass sich die beiden Herren in Italien zusammen zeigten: Stets galten sie als la coppia più amata – als das meistgeliebte Paar der Republik. Aber nur in literarischer Hinsicht. Denn Franco Lucentini und Carlo Fruttero stehen seit den 70er Jahren für eigenwillig konstruierte Krimi- und Gesellschaftsromane, in denen sie den italienischen Verhältnissen auf humorvolle Weise einen Spiegel vorhielten. So wurde aus „Fruttero e Lucentini“ ein Label, das sich auch auf dem deutschen Buchmarkt etablierte.

Dieser Jahrzehnte währenden literarischen Zusammenarbeit setzte Franco Lucentini nun ein unerwartetes Ende: Berichten italienischer Tageszeitungen zufolge, stürtzte sich Lucentini gegen sechs Uhr morgens vom Treppengeländer seiner sich im vierten Stock befindenden Turiner Wohnung an der Piazza Vittorio Veneto. Der 81-Jährige litt seit geraumer Zeit an Lungenkrebs. Er wurde von seiner Haushälterin im Flur des mehrgeschössigen Treppenhauses gefunden. Einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht. Turin scheint eine gewisse Todessehnsucht bei Schriftstellern zu wecken. 15 Jahre zuvor hatte der italienische Autor Primo Levi auf gleiche Art und Weise den Freitod gewählt. Und 1950 nahm sich der Neorealist Cesare Pavese mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben.

Bevor Franco Lucentini seinen späteren Co-Autor Fruttero in Paris kennenlernte, arbeitete er innerhalb der neo-avantgardistischen „Gruppo 63“.

Mit Fruttero verband ihn seit den Fünfziger Jahren das Interesse für Krimi- und Fantasy-Stories. Bekannt wurde das Duo mit Romanen wie „Die Sonntagsfrau“ oder „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ . Allen Büchern gemeinsam ist das Spiel mit Schein und Sein oder die Frage nach der Unumgänglichkeit des Schicksals.

Dabei dient die kriminalistische Struktur lediglich als Rahmen, um metaphysische und philosophische Grundfragen zu erörtern. Beide liebten das Jonglieren mit dem Ungewissen. Die Autoren bezeichnen ihre Romane als letteratura codificata - als „verschlüsselte Literatur“. Dabei bleibt allein dem Leser die Dechiffrierung überlassen, um das Rätsel der Geschichte aufzulösen.

Das Verhältnis zwischen Fruttero und Lucentini war mit einer alten Ehe vergleichbar. Wobei Fruttero eher als der nüchterne Analytiker auftrat, der seinem Partner Lucentini vorwarf, sich nicht die Bohne für das politische Geschehen zu interessieren. Dem Vernehmen nach soll Lucentini nicht einmal Tageszeitungen gelesen haben. Er seinerseits verzieh Fruttero nie, unromatisch zu sein und in Beschreibungen des Liebesaktes viel zu schnell zum Ziel zu gelangen.

Pingpong-Duell nannten die beiden den Austausch literarischer Ergüsse. Sowie Fruttero als auch Lucentini verfassten jeweils ein Kapitel, feilten daran herum und ließen die Texte schließlich vom Anderen korrigieren.

Angst vor kreativem Leerlauf hatten die beiden Italiener nie. „Uns fällt immer etwas ein“, meinten sie einmal in einem Interview zuversichtlich.

Fruttero und Lucentini schrieben nicht einfach Täter-Opfer-Detektiv-Geschichten, sondern suchten gleichermaßen Mythen und Zeitgeschichte zu verweben. In ihren Romanen spiegelt sich die italienische Realität. Geschickt streuen Fruttero und Lucentini Anspielungen auf politische Ereignisse mit ein oder kritisieren subtil soziale Strukturen der Gesellschaft. In dieser Hinsicht nimmt das Autoren-Gespann auch eine Vorbildfunktion für den literarischen Nachwuchs ein, wie für den Krimi-Autor Carlo Lucarelli.

Fragt sich, ob Carlo Fruttero nach dem gestrigen Freitod seines Partners in Zukunft überhaupt noch die Lust aufbringen wird, das gemeinsame literarische Erbe fortzuführen. Nur einmal wagte Carlo Fruttero einen Alleingang und veröffentlichte im Jahr 2000 einen Roman mit dem Titel „Der unsichtbare Zweite“; eine Anspielung auf Franco Lucentini, der nun für keine telefonische Schaltkonferenz mehr zur Verfügung stehen wird und seinen trauernden Kollegen Fruttero alleine lässt; irgendwo zwischen Wahrheit und Ungewissheit. Seinem Partner Carlo Fruttero bleibt nichts anderes, als s´ arrangiarsi – sich zu arrangieren. Claudia Cosmo

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