Kultur : Tod in Venedig, Kampf um Rom

Das Filmfestival am Lido bekommt gefährliche Konkurrenz: Eine Bilanz der 62. Mostra del Cinema

Jan Schulz-Ojala

Champagner in Strömen, Austern satt aus badewannengroßen Kübeln, Mädchen in superteuren High Heels, die ihre angeknabberten Süßwaren bei Nichtgefallen aufs Buffet zurückfallen lassen und ein Tennisstar (Anna Kurnikova), der sich mal eben zum Bauchtanz entschließt: Ein Fest war das Donnerstagnacht im Stucksaal des Hotel Excelsior, wie der Lido es seit den güldenen Jahren der Gina Lollobrigida nicht mehr erlebt hat. Nur: Was haben die Gastgeber, die Ghaddafi-Söhne Motassam und Al-Saadi, mit Filmkunst zu tun?

Eigentlich nichts. Doch das könnte sich schnell ändern. Wenn die Öl-Milliardäre nämlich, wie die italienischen Medien sogleich drauflos träumten, den neuen Palazzo del Cinema sponsern. 100 Millionen Euro soll der Kasten kosten, mit dem das Festival endlich seine drückenden Strukturprobleme beseitigen will – mit modernen Vorführsälen und vielen Kinos für einen Filmmarkt, der Cannes und Berlin seit jeher beflügelt und Venedig immer dramatischer fehlt. Das einstige Spielcasino, organisatorisches Herzstück des Festivals, stammt noch aus Mussolinis Zeiten; entspräche es da nicht einer gewissen historischen Logik, wenn die Libyer massiv einsteigen, ihren Palazzo del Cinema dereinst „Ghaddafi- Arena“ taufen und nicht mehr Goldene Löwen, sondern Goldene Kamele vergeben?

Scherz beiseite. Die Lage ist finster genug. Nicht nur, dass das Festival in seinem 62. Jahrgang künstlerisch lau war wie lange nicht mehr, auch die strukturelle Demontage Venedigs ist längst im Gange. So war die bestbesuchte Pressekonferenz nicht die von George Clooney, wie Kulturminister Rocco Buttiglione stolz bemerkte, sondern jene, bei der der Tod von Venedig erstmals unübersehbar im Raume stand – da mochten die Podiumsherren noch so hübsch mit zusammengebissenen Zähnen lächeln. Denn bereits im Oktober 2006, kaum vier Wochen nach der Schluss-Gala am Lido, startet erstmals „Cinema – la Festa Internazionale di Roma“. Das neuntägige Filmfestival will, mit prominentem Wettbewerb, „Produzenten, Regisseure, Werke, Themen und Professionalität“ aus aller Welt in die italienische Hauptstadt holen. Angepeiltes Budget: knapp acht Millionen Euro – Venedig hat nur eine halbe Million mehr. Publizistisch verkauft wird das Projekt einstweilen, wenn auch reichlich mühselig, als Zusammenarbeit zwischen den Städten Rom und Venedig, ihren (linken) Bürgermeistern Walter Veltroni und Massimo Cacciari sowie den interdisziplinären Kulturstiftungen Fondazione Musica per Roma und Biennale di Venezia. Und wie zum Beweis der prästabilierten Harmonie rückten Veltroni und Cacciari gestern flugs ein gemeinsames Dementi in den „Corriere della sera“: Nein, sie hätten sich am Vortag vor der Presse keineswegs „duelliert“, im Gegenteil – das traditionsreiche Venedig bleibe die „Vitrine des Außergewöhnlichen“, Rom wolle sich bloß als „großes Volksfest“ profilieren.

Dennoch: Rom wird das seit Jahren schwächelnde Venedig jagen, womöglich bis zum Gnadenschuss. Schon Berlin, Cannes und das Festival am Lido, im scheinbar lockeren Viermonats-Abstand angesetzt, machen sich die großen Filme streitig. Da dürften sich die Italiener mit ihrer verkündeten „stimulierenden Zusammenarbeit“ gewiss schwer tun. Zudem: Rom verfügt, mit Renzo Pianos Auditorium della Musica, bereits über einen hypermodernen Kulturpalast, der jährlich eine Million Besucher anzieht. Venedig hat mittlerweile zwar einen Wettbewerb für seinen jahrzehntealten Traum eines neuen Festivalzentrums zustande gebracht; andererseits verkündete der Kulturminister ausgerechnet dieser Tage, der Staat werde dafür keinen Euro locker machen. Deutlicher kann man neue Prioritäten nicht formulieren.

Fatal, dass das Festival das Problemgeflecht – und den möglichen Staffelstabwechsel – auf seine Weise trist illustrierte, organisatorisch wie künstlerisch. Die Antiterr-Kontrollen an den Metalldetektoren brachten zwar die Abläufe kaum durcheinander, machten aber das, was Filmfest sein sollte, zur Sichtungsfron im Sicherheitsbereich. Dass das Hauptprogramm von knapp 80 Filmen im Vorjahr auf rund 50 schmolz, brachte zwar eine Entlastung im Zeitplan, ließ aber gewisse Merkwürdigkeiten – etwa das massive Übergewicht Italiens im Wettbewerb – umso deutlicher hervortreten. Hier wirkte Pupi Avatis stilistisch stimmiger Abschlussfilm „La seconda notte di nozze“ insofern versöhnlich, als er einen über die TV-Soap hinausgehenden dramaturgischen und ästhetischen Willen erkennen lässt. Doch auch die beschmunzelbare Nachkriegs-Familiengeschichte zwischen Bologna und Apulien geht nicht gerade als kraftvoller Beitrag zum Weltkino durch.

Auch Fernando Meirelles’ „The Constant Gardener“ sorgt am Ende eines an Glanzpunkten bitterarmen Festivals noch einmal zumindest für wohltemperierte Laune. Nach einem John-Le- Carré-Bestseller erzählt der Film von einem Diplomaten in Kenia, der die Verflechtung zwischen einem Pharma-Kartell und der britischen Regierung aufdeckt; seine junge Frau, eine politische Aktivistin, war wegen ihrer Recherchen über tödliche Arzneimittelversuche an Afrikanern bestialisch ermordet worden. „The Constant Gardener“ ist, mit Ralph Fiennes und Rachel Weisz in den Hauptrollen, ein solider Polit-Thriller aus den Zeiten der Globalisierung, fotografiert erneut von „City of God“-Kameramann César Charlone. An die visionäre Wucht seines Vorgängers reicht der Film aber bei weitem nicht heran.

Immerhin, Meirelles zielt ins Heute, während der Rest vom Lido-Fest meist ziemlich retro war. Ang Lees epischer, sensibler, thematisch innovativer und Zu Recht mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneter schwuler Western „Brokeback Mountain“ hat zwei Jahrzehnte des mittleren 20. Jahrhunderts im Blick; George Clooney kleidete – er mag das noch so charmant dementieren – in „Good Night, and Good Luck“ seine aktuelle Kritik an Bush-Amerika in die strenge Hymne auf einen McCarthy-Gegner, mithin einen Fünfzigerjahre-Stoff. Philippe Garrel konturierte seine dreistündige exercice de style über junge Post-Achtundsechziger in so ausgesucht ärmlichem Schwarzweiß, als hätte der Mai ’68 mindestens 1848 stattgefunden. Auch der Russe Alexej German („Garpastum“) und der Chinese Stanley Kwan („Everlasting Regret“) zeigen, dass man Armut ausgesucht edel ausstatten kann: Nur haben ihre ehrgeizigen Arrangements aus dem Ersten Weltkrieg und vier Jahrzehnten chinesischer Zeitgeschichte leider armselig wenig zu erzählen.

Vergessen wir diese 62. Mostra, richten wir den Blick nach vorn. Festivalchef Marco Müller, der vielleicht diesmal nichts wesentlich Besseres hat finden können, amtiert noch mindestens zwei Jahre – ein für Lido-Verhältnisse geradezu betörend komfortables Mandat. Die „Repubblica“ nannte ihn gestern den „richtigen Mann am richtigen Platz“. Ein ordentlicher Rückhalt, immerhin, den einer wie Müller brauchen kann – schließlich hat der Kampf gegen Rom hinter den Kulissen längst begonnen.

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