Kultur : Tod und Jubel

Carsten Niemann

In der Schlussszene der Dia-Clip-Show wird Telemann vom Objektschutz aus dem Einkaufsszentrum geworfen. Dabei hatte der Magdeburger Komponist doch nur an dem Ort die Geige unters Kinn geklemmt, an dem sich einst sein Geburtshaus befand. Wer die Magdeburger Telemann-Festtage kennt, der weiß um das Spannungsverhältnis: Hier die aristokratische Barockwelt, die Georg Philipp Telemanns Werke suggerieren, dort die ästhetische Wirklichkeit seiner Heimatstadt, wo die realsozialistische Platte eine unheilige Allianz mit der Monokultur amerikanisierter Shopping-Center eingeht. Mit ihrem sarkastischen Ende war Birgits Kiupels comicartige "Tele-Mania" deshalb der pointierteste Beitrag zum Motto "Telemann und Magdeburg".

Als Kirchenmusiker und Wissenschaftler das Festival vor vierzig Jahren initiierten, waren sie der Stadt- und Parteiführung zu Recht suspekt. Zwar ging man Kompromisse ein und ließ sich aus heutiger Sicht allzu oft dazu hinreißen, den Komponisten zum sozialistischen Vorkämpfer hochzustilisieren. Andererseits gelang ein Kontrapunkt zur staatlich verordneten Kulturpolitik: Man sang in Oratorien Gottes Lob, entfaltete auf Opernbühnen barocke Pracht und entdeckte musikalische Denkmäler, während ringsum Kirchen und Paläste zerfielen.

Nach der Wende gelang es, die Festtage zu einem beachtenswerten europäischen Barockmusikfestival zu machen. Einen spannenden Gegenentwurf zum Bekannten boten diesmal etwa Barockorchester und Kammerchor Stuttgart unter der Leitung von Frieder Bernius mit Telemanns Johannespassion von 1745. Das Werk hebt den "meritorischen Charakter" der Leidensgeschichte hervor: Hier knirschen nicht Buß und Reu das Sünderherz entzwei, vielmehr geht es um Freude und Zuversicht. Die schockierende Deutlichkeit dieses Ansatzes freilich (Trompetenjubel nach der Sterbeszene!) hätte Bernius noch etwas mutiger herausarbeiten können. Fast ein Heimspiel war die Aufführung der 1716 entstandenen Serenata auf die Geburt des österreichischen Thronfolgers mit der Musica Antiqua Köln unter der Leitung des Telemann-Preisträgers Reinhard Goebel. Mit rhythmischer Verve und körperreichem Klang belebten die Kölner die üppig instrumentierte Partitur. Ob die Serenata als abgeschmacktes Fürstenlob oder Ausdruck echter Freude über den abgewendeten Erbfolgekrieg zu hören ist, entschied jeder für sich. Wenig Chance zur eigenen Meinungsbildung gab es hingegen bei "Otto", der ersten szenischen Aufführung einer Händel-Oper in der Bearbeitung von Telemann: Regisseur Alexander Herrmann hatte die Partitur wild neu zusammengeflickt. Die Magdeburger Philharmonie unter Jan Michael Horstmann blieb deutlich hinter dem Niveau der Gastensembles zurück: Keine Hilfe für die unterschiedlich qualifizierten Solisten der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler. Warum sich die Telemann-Experten ihr spannendes Projekt derart verderben ließen, blieb ein Geheimnis. In die Schäferarie der Teophane (Cornelia Marschall) blökten die Statisten auch noch "Mäh". Manchmal kann eben nur der Objektschutz helfen.

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