Kultur : Tod & Stachel

Enoch zu Guttenberg dirigiert Mozarts Requiem

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So aber sprach Enoch zu Guttenberg: Dass es nicht gut sei, wenn Musik immer und überall verfügbar wäre, dass die großen Werke gedankliche Versenkung fordern, dass wir uns auch in hektischen Zeiten die Muße nehmen sollten, wirklich zuzuhören. Darum stellt der Dirigent bei seinem zweiten Berlin-Gastspiel innerhalb weniger Monate Mozarts Requiem zwei programmatische Stücke voran. Sie sollen es dem Publikum in der gut verkauften Philharmonie (darunter sein ministerialer Sohn samt Gattin) ermöglichen, den Alltag abzuschütteln, sich zu öffnen für die Botschaft der Töne. „Dies ist kein normales Konzert, dies ist eine Meditation über den Tod.“ Jetzt kann er seine Ensembles hereinbitten, die 85-köpfige Chorgemeinschaft Neubeuern und das Orchester der Klangverwaltung.

Gerhild Romberger ist die Solistin des ersten Präludiums. Die (einst Bach zugeschriebene) Arie „Schlage doch, gewünschte Stunde“ von Melchior Hoffmann macht sie mit ihrer warmen, sanften Altstimme zu einem Gesang der frommen Seele, der tief berührt, der Trauernden Trost spenden kann: Überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.

Im denkbar härtesten Kontrast setzt Guttenberg Mozarts c-Moll-Fuge dagegen, komprimierte Bitternis, ein Wüten gegen das Unausweichliche im strengsten Tonsatzgerüst. Scharfe Akzentuierungen interessieren ihn auch im Requiem, immer wieder verlang er seinen Laiensängern theatralische Vokaleffekte ab, gewittrig im dies irae, getrieben von einem starken inneren Puls im lacrimosa. Manches gerät dabei auch holzschnittartig, doch das tiefe, ehrliche Gefühl, aus dem sich die expressive Körpersprache des Dirigenten speist, verbietet Kritteleien.

Die lange Stille nach dem Schluss beweist, dass der Saal wirklich konzentriert gelauscht hat. Als dann der Jubel losbricht, teilt ihn der erhitzte Guttenberg gern mit den Seinen: Von der Stirne heiß/Rinnen muss der Schweiß,/Soll das Werk den Meister loben!/Doch der Segen kommt von oben. Frederik Hanssen

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