Kultur : Todesküsse an der Mauer

Frederik Hanssen über eine mutige Tat Harry Kupfers

Frederik Hanssen

Beim Anblick des Herodes fühlte sich der Rezensent an den nicaraguanischen Diktator Somoza erinnert: „Er spürt als einziger den Wind, der unheimlich flirrend durchs Orchester zischt und die Kräfte symbolisiert, die ihn hinwegfegen werden.“ Natürlich konnte Dieter Kranz im Juni 1979 bei seiner Kritik von Harry Kupfers „Salome“ an der Lindenoper im Berliner Rundfunk nicht deutlicher werden – doch auch so war klar, was für einen mutigen Coup der Regisseur hier gelandet hatte.

Richard Strauss’ Vertonung des Oscar-Wilde-Dramas lässt sich auch anders darstellen als im Hinterhof eines Schurkenpalastes. Genau hier aber, wo herabhängende Schlingen und Flecken auf dem Mauerwerk „ahnen lassen, wozu dieser unheimliche Ort mitunter dient“ lässt Kupfer die Geschichte spielen. Salome ist eine junge Frau, die an der Dekadenz des Regimes leidet, im Propheten Jochanaan die Möglichkeit eines anderen, freieren Lebens sieht und am Ende den Schritt in die Zukunft doch nicht schafft.

Ein Meilenstein der Musiktheatergeschichte, der sich nicht umsonst seit 28 Jahren im Staatsopern-Spielplan hält – und in der aktuellen Aufführungsserie (20., 28. Mai sowie 5. Juni) mit Nadja Michael als Salome hervorragend besetzt ist.

Staatsoper, So 20.5., 19 Uhr, ab 7 € DK623

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