Kultur : Todesschrott

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Ob Ersatzhelden, stille Helden oder Nationalhelden – Helden waren außer Mode. Doch jetzt scheinen sie wieder Konjunktur zu haben. „Helden“ nennt sich die Installation des seit 1980 in Berlin lebenden Raffael Rheinsberg. In einer langen Reihe hat Rheinsberg die Überreste von Panzerfäusten, Flieger-, Spreng- oder Phosphorbomben auf dem Fußboden der Nikolaikirche ausgebreitet. Der Ort ist gut gewählt, war die Kirche im Zweiten Weltkrieg doch schwer beschädigt und erst zur 750 Jahrfeier Berlins wieder aufgebaut worden. Eine Mischung aus Belanglosigkeit und Grausen erfasst den Betrachter angesichts der Blindgänger aus dem märkischen Boden. Es ist Kriegsschrott, dessen einst todbringende Gefährlichkeit in Widerspruch steht zum heutigen harmlos rostigen Aussehen. Zusammengetragen hat Rheinsberg die Blindgänger auf dem Sprengplatz im Berliner Grunewald, wo die Feuerwerker der Polizei noch heute Bomben entschärfen. Ihnen hat Rheinsberg seine Ausstellung gewidmet. Das, was in der Nicolaikirche an Bombenrelikten zu sehen ist, entspricht dem, was im Lauf eines Jahres auf dem Sprengplatz an Resten anfällt. Trotz ihres heroischen Titels verweigert sich Rheinsbergs Installation jedem Pathos, denn heldenhaft ist nichts an diesem Zivilisationsschrott. Vielmehr entwickeln sich die Metalltrümmer im Umfeld der barocken Epitaphien zu einem eindrucksvollen „memento mori“. Die kritische Reflexion von Geschichte zieht sich wie ein roter Faden durch Rheinsbergs Werk. So knüpft „Helden“ an die Ausstellung „Botschaften“ an, die er 1982 im Berlin Museum verwirklicht hatte. Auch mit ihr begab er sich auf eine Spurensuche, sammelte Alltagsrelikte aus den Ruinen des Diplomatenviertels. „Archäologie eines Krieges“ lautete damals der Untertitel – ein , der auch zu der aktuellen Installation passen würde. Jürgen Tietz

Raffael Rheinsberg: Helden. Museum Nicolaikirche. Bis 8. September. Katalog 7 Euro

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