Kultur : Todestrauer, Lebenslust

Simon Rattle wagt mit den Philharmonikern Turnages „Blood on the Floor“ und begegnet den Freunden seines Hauses

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Eine Sekunde erstarrten die Zuhörer am Sonnabend im Konzert der Berliner Philharmoniker: Zwischen den Sätzen von Marc-Anthony Turnages „Blood on the Floor“ klingelt ein Handy. Der neue Chefdirigent Simon Rattle dreht sich um – und zeigt mit dem gewinnendsten Lächeln der Welt die Geste des Halsabschneidens. So groß der künstlerische Ernst ist, der ihn antreibt, so bedingungslos ist Rattles Hingabe an die Musik: Erstarrungserscheinungen wird es bei den Philharmonikern mit Rattle nicht geben – auch nicht aus übertriebener Feierlichkeit. Das ist nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen: An diesem speziellen Abend betreten die Musiker ohne Frack, in Hemd oder Pulli, das Podium. In erster Linie ist es aber Turnages Musik selbst, die für den Eindruck des überaus Vitalen sorgt: ein Werk unnachgiebiger Daueremotion, das der Komponist nach dem Drogentod seines jüngeren Bruders schrieb. Statt triefiger Soziofolklore leugnet das Stück trotz seiner obsessiven Frage nach der Verantwortung für das tragische Ereignis nie die Lust am Leben, die der erschrockene Überlebende bewahren möchte.

Rattle und den Solisten Jesse van Ruller (Gitarre), Peter Erskine (Schlagzeug), Martin Robertson (Saxophon) und im letzten Satz besonders William Forman (Trompete) gelingt es dabei, diese Musik, die zwischen Traditionen von Jazz und Klassik vermittelt, von allen Banalitäten freizuhalten: durch ein kontrolliertes Engagement, das in seiner mitreißenden Verve umso mehr bewegt.

Was Sir Simon als neuer Chefdirigent an weiteren Lockerungsübungen für die ihm anvertraute Institution vorgesehen hat, konnte man schon vor der Aufführung erfahren. Zum Auftakt präsentierte er das erste Projekt der Initiative „Zukunft@BPhil“ vor, mit dem die Philharmoniker neue Freunde gewinnen möchten. Den ersten Blick nach vorne wagen Schülerinnen und Schüler von drei Berliner Oberschulen: Mit Unterstützung der Filmregisseurin Esther Gronenborn („alaska.de“) und mit Mitgliedern der Philharmoniker realisierten sie Filmprojekte mit Live-Musik.

Die Schüler sollten sich von den beiden Werken anregen lassen, auf die sich Marc-Anthony Turnage bezieht: zum einen auf ein Gemälde von Francis Bacon, das einen monumentalen Blutfleck in einer surreal verfremdeten Umgebung zeigt, zum anderen auf das Gedicht „Junior Addict“ (Junger Drogensüchtiger) von Langston Hughes. Zum nicht geringen Erstaunen der Älteren zeigen die Nachwuchskünstler aber keine Dramen eines jugendlichen Drogenkonsums. Stattdessen sucht eine Gruppe von Schülerinnen, inspiriert von Bacons Gemälde, das „Schöne im Hässlichen“ in ihrer eigenen Lebenswelt – und findet es in einem Pferd, das mit liebevoll zu Zöpfchen geflochtener Mähne vor einer Autobahn steht.

Der Kamerablick der Jungs hingegen wandert, begleitet vom Keuchen eines Läufers und dem Ticken einer Stoppuhr, immer wieder forschend und fragend zu zerstörten Gesichtern alter Menschen. Bilder und Eindrücke, die dank der professionellen Unterstützung oft so konzentriert formuliert sind, dass sie die Assoziationen beim Hören von Turnages Musik neu zu lenken vermögen: weg vom biograpfischen Hintergrund, hin zu der Frage nach unserer Verantwortung für die Blutflecken in den Zukunftsträumen der Jugendlichen. Carsten Niemann

„Wäre mir klar gewesen, dass ich mit den britischen Komponisten gleich auch das englische Wetter mitbringe – ich hätte Musik von einen Kalifornier ausgewählt!“ Auch am Sonntagmorgen, bei einer kurzfristig ihm zu Ehren anberaumten Matinee der „Gesellschaft der Freunde der Berliner Philharmonie“, erobert Simon Rattle sein Publikum im Sturm. Im bestens besuchten Kammermusiksaal wird jedes seiner Statements von herzlichem Applaus begleitet. Klar, dass die organisierten Philharmonie-Fans dem neuen Chefdirigenten mit Offenheit und Neugier begegnen. Neu ist aber für sie, dass diese Haltung auch aktiv erwidert wird.

Rattles Auftrtitt, von Intendant Ohnesorg moderiert und übersetzt, ist eine einzige Charmeoffensive. Rattle schwärmt nicht nur von der Motivation im Orchester, sondern eben auch von der Arbeit der Philharmoniker-Unterstützer. Er berichtet, dass er lange überzeugt war, es sei gut, wenn Barenboim Abbado-Nachfolger würde – bis diese Haydn-Probe kam, kurz vor der Entscheidung: „Da musste ich mir eingestehen, ich wäre bitter enttäuscht gewesen, wenn Daniel den Job bekommen hätte.“ Schließlich beglückt er noch alle Karajan-Verehrer mit seiner Schilderung des Maestro: Wie ein alter General sei der ihm gegenübergetreten, habe unglaublich klar, sehr geradeaus und praxisorientiert über Fachfragen diskutiert, ohne einen Anflug von Egozentrik.

Als eine Dame in der zweiten Reihe Rattle versichert, seine Zweifel, nicht „deutsch genug“ zu sein für den Job, seien absolut unbegründet, springt er spontan auf, drückt ihr die Hand. Dann setzt er sich an den Flügel, um den philharmonischen Solo-Cellisten Georg Faust in Messiaens „Louage à l’éternité de Jésus“ zu begleiten. Spätestens jetzt gibt es im Saal nur noch eine Meinung: Diese Wahl war richtig. Frederik Hanssen

Am 28.9. diskutiert Rattle um 10.30 Uhr im Kammermusiksaal mit Adrienne Goehler. Kostenlose Tickets unter: 254 88 999.

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