Kultur : Todesurteil gegen Öcalan: Einsamer Kämpfer für den Frieden

Susanne Güsten

Gibt es ihn noch, oder wurde er abrasiert? Knapp anderthalb Jahre, nachdem PKK-Chef Abdullah Öcalan am Ende seines Hochverrats-Prozesses auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali zum letzten Mal in der Öffentlichkeit gesehen wurde, stellen sich türkische Zeitungen die Frage, ob "Apo" seinen buschigen Schnurrbart noch hat. Einige Blätter bilden den Rebellenführer per Fotomontage nur noch mit blank gewetzter Oberlippe ab. Doch obwohl Unklarheit über das Aussehen Öcalans herrscht, besteht Einvernehmen darüber, dass der Gründer und Anführer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) trotz Todesurteil auch in der Haft noch nicht mit seinem Leben abgeschlossen hat. Im Frühjahr bat er die türkischen Behörden um seine Sonnenbrille der Marke Ray Ban, die ihm bei seiner Verhaftung im Jahr zuvor abgenommen worden war. Außerdem soll der Rebellenchef in seiner Zelle zum eifrigen Bücherwurm geworden sein, der historische Werke, Atatürk-Reden und populäre Romane verschlingt.

Doch die Haupttätigkeit Öcalans besteht wohl nach wie vor darin, seine Anhänger zu lenken und im Zaume zu halten. Bei fast jedem der wöchentlichen Besuche seiner Anwälte gibt Öcalan ihnen Erklärungen zu aktuellen Fragen oder zu Vorgängen innerhalb der PKK mit, die dann vom Anwaltsbüro in Istanbul veröffentlicht werden. In den meisten Fällen bestehen diese Erklärungen aus Aufforderungen Öcalans an Türken und Kurden gleichermaßen, das Ende des 15-jährigen Krieges als Chance für den Frieden zu begreifen. Als Vorsitzender der PKK gibt er auch nach wie vor Befehle an seine Organisation.

Die PKK selbst hat sich von der Verhaftung des großen Führers noch nicht wieder erholt. Auf Befehl Öcalans stellte die Organisation zwar im vergangenen Jahr die Kämpfe gegen die türkische Armee ein und zog sich nach Nordirak zurück - nach türkischen Angaben ist die Zahl der Gewaltaktionen im früheren Kampfgebiet binnen eines Jahres um 80 Prozent gefallen. Doch es gibt immer noch keine Klarheit über den künftigen Kurs der PKK. Während der so genannte Führungsrat der PKK immer wieder Öcalans Kurs bekräftigt, gibt es mehrere Gruppen, die "Apo" mittlerweile für einen Verräter halten und die wieder kämpfen wollen.

Auch in der pro-kurdischen Szene in Europa wachsen seit Monaten die Zweifel, ob man Öcalan noch über den Weg trauen kann. Schließlich kommen die Erklärungen des bestbewachten Häftlings in der Türkei sicherlich nicht ohne Wissen Ankaras an die Öffentlichkeit. Für die meisten Kurden ist Öcalan aber nach wie vor die Leitfigur überhaupt: Für keinen anderen PKK-Vertreter wären am Dienstag 15 000 Kurden nach Straßburg gepilgert.

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