Kultur : Tödlein auf der Kugel

Traum von der idealen Sammlung: der Hofmaler Gabriel Donath und seine „Phantasiegalerie“

Daniel Völzke

Der kursächsische Hofmaler Gabriel Ambrosius Donath kannte sicher all die Fragen nach Bild und Abbild, die sein Beruf aufwirft. Fragen, die uns auch heute noch brennend interessieren. Auf alle Fälle wusste er um die Dringlichkeit sorgfältig ausgeführter Arbeit. Es heißt, der Kurfürst befahl ihm, ein Selbstporträt in der Dresdner Hauptwache am Neumarkt anzubringen. Zu oft wurde der Maler am Passieren der Stadttore gehindert, da er für einen Juden gehalten wurde. Durch sein Selbstbildnis sollte sich jeder einprägen, wie der Maler aussah. Doch ob ihm ein solch profaner Gebrauch seiner Kunst gefiel? Wohl kaum.

Der Katholik Donath zelebrierte in seinen gemalten „Phantasiegalerien“ die Kunst als Weihegegenstand, eng verknüpft mit Andacht und Religion. Der Maler entwarf Räume, durch die der Betrachter zu gern schlendern – besser: lustwandeln – würde. Etwa durch diese „Phantasiegalerie für Maria Josepha, sächsische Erzherzogin und Königin von Polen“, die Gabriel Ambrosius Donath 1737 so verheißungsvoll dem Betrachter aufschließt. Die auf Gemälde Alter Meister spezialisierte Galerie Frye und Sohn aus Münster hat diese Kupfertafel zur 8. Ars Nobilis mitgebracht. Ein 37 mal 45 Zentimeter großes Ölbild, gemalt in leuchtenden Pastelltönen.

Ein schwerer, roter Vorhang öffnet sich und gibt wie auf eine Bühne den Blick frei in den hohen, lichten Saal mit einer Fülle, die nicht überfrachtet wirkt. Umlaufend und dicht an dicht gehängt sind die Gemälde, die offenbar aufeinander verweisen. Jedes Bild ist Teil einer großen Erzählung, eines Gesamtzusammenhangs: dem biblischen Geschehen und den Heiligenlegenden. Vor den Bildern stehen Statuen, Apostel und Heiligenfiguren, die wie zum Kommentar auf die Darstellungen an den Wänden deuten. Im Fluchtpunkt des Bildes, hinter einer Tür ins Freie, tanzt ein Tödlein auf einer Weltkugel, an die Sterblichkeit aller gemahnend. Im Marmor des Bodens spiegelt sich das Oberlicht. Doch mehr als jede Lichtquelle leuchtet das Deckengemälde, das die Verherrlichung der Maria Immaculata zeigt,und überstrahlt wie ein zentrales Gestirn den symmetrisch gestalteten Raum. Wenn Kardinal Joachim Meisner kürzlich vage von einer Mitte redete, die er in der zeitgenössischen Kunst vermisse – hier bekommt man eine Idee davon, was der konservative Kölner meinen könnte.

Viel weiß man nicht über diese „Phantasiegalerie“. Gab es die an diesem Wunderort ausgestellten Bilder tatsächlich? Hat dieser Raum ein konkretes Vorbild in der Wirklichkeit oder diente das Bild als Entwurf für eine Raumausstattung? Wo sollte die Kupfertafel hängen und in welche Beziehung trat der dargestellte Raum mit dem realen Ausstellungsraum? Doch auch ohne dieses Wissen und auch ohne jeden religiösen Bezug offenbart das Bild eine Freude am Sammeln und am Präsentieren von Kunst, die sich auch in der heutigen, so grundsätzlich anderen Zeit gut nachvollziehen lässt. Und für die es wirklich keiner „Mitte“ bedarf. Diese Lust am Erzählen und Schauen, diese Spannung aus Zeigen und Verbergen wird in dieser kleinen Arbeit erfahrbar. Und sie führt vor, wie sich Kunst aufeinander bezieht und ineinander aufgeht. Auch das macht die Leidenschaft des Sammelns aus: dass man Werke, die man bereits besitzt, durch andere Arbeiten ergänzt. Dass durch neue und fortwährend neue Sammlerstücke das Vorhandene an Wert gewinnt, statt widerlegt zu werden.

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