Kultur : Tödliche Gier

„Schwindel“: Uraufführung an der Neuköllner Oper.

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Wie der tiefe Unernst der Casino-Mentalität ins Verderben führt, zeigt „Schwindel. Über das Verlieren“ im Studiosaal der Neuköllner Oper. Als Material dienten dem jungen Künstlerteam die Biografien des Oligarchen Boris Beresowski und der Finanzbetrügergattin Ruth Madoff. Der unter Jelzin zu Macht gelangte Beresowski hatte mit der Unterstützung seines Ex-Freundes Putin auf die falsche Karte gesetzt. Vor der russischen Justiz ins englische Exil geflüchtet, erhängte er sich 2013. Ruth Madoff lebt noch, die Produktion dichtet ihr aber den Selbstmord ihres Sohnes an, der sich in den Tod stürzte.

Auf der Bühne beginnt ein posthumes Moritatenspiel: Beresowski steht mit einer Schlinge um den Hals in einem Fahrstuhlschacht, hoch über ihm erblickt man Madoff, als sei diese nach dem Sprung aus dem 63. Stockwerk direkt im Himmel aufgeschlagen. Ein abgründiger Spielleiter im Harlekinkostüm (Günter Schatzmann) ruft die beiden noch einmal ins Leben, zum Bilanzziehen. Der Zockermentalität ist nicht mit einfühlsamer Psychologie, eher schon mit der barocken Affektenlehre beizukommen, die musikalisch durch Telemanns „moralische Kantaten“ vertreten wird. Mit Mut zur Groteske zeigt Regisseurin Julia Lwowski, wie ihre Protagonisten von niedersten Instinkten direkt in den Größenwahn getrieben werden. Die Metamorphose von angemaßter Gottähnlichkeit zu triebgesteuerter Kreatürlichkeit dauert da manchmal nur ein paar Sekunden: Den wie Tierfutter ausgestreuten Münzen krabbeln die Akteure grunzend nach.

Die Produktion ist in den Details wunderbar verspielt und wird zugleich durch eine kluge Dramaturgie zusammengehalten. Die jungen Sänger (Magnús Hallur Jónsson und Ulrike Schwab) beeindrucken durch aufopferungsvollen Körpereinsatz und große Musikalität, die glänzende Perkussionistin Ni Fan hat das musikalische Arrangement erstellt und begleitet die Künstler auf verschiedensten Instrumenten. Nach einem durch alle Tonarten jagenden „Money makes the world go round“ endet der Abend angemessen pathetisch mit dem letzten Satz aus Schostakowitschs 14. Symphonie. Unbedingt hingehen! Benedikt von Bernstorff

Nächste Vorstellungen am 11./12.1.

sowie am 17./18./19.1.

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