Kultur : Tödlicher Zungenkuss

Kopie der Kopie: Wie die Wooster Group in Berlin Richard Burtons „Hamlet“ nachspielt

Christine Wahl

Wenn bedenkt, was ein Versehen alles anrichten kann. Hamlet, der Shakespearesche Dänenprinz, liest seiner untreuen Mutter die Leviten und ersticht dabei mehr oder weniger nebenbei den spitzelnden Hausdiener Polonius. Das Mama-Bashing endet bei der New Yorker Wooster Group in einer Art inzestuösem Zungenkuss. Wobei Kate Valk und Scott Sheperd sehr virtuos kopieren, was Richard Burton 1964 aus „Hamlet“ am Broadway gemacht hat, – eine ödipal zugespitzte Mutter-Sohn-Liaison. Ihre Imitationskunstfertigkeit kann man deshalb so gut ermessen, weil hinter ihnen auf Großleinwand das Original abschnurrt: ein Aufführungsmitschnitt des Broadway-Events.

Wie schon bei ihrem letzten Gastspiel im Hebbel am Ufer vor zwei Jahren, („Poor Theater“), üben sich die Theater- Avantgardisten, die als Erste mit Videotechnik auf der Bühne experimentierten, in der angeblich schwer diskursiven Copy Art. Nur wird diesmal nicht theaterhistorisches Insider-Gut des polnischen Regisseurs und Theatermethodikers Jerzy Grotowski in Originalsprache nachgespielt, sondern ein hinlänglich bekannter Shakespeare-Klassiker. Und es wird auch nicht unter betont avantgardistischer Vernachlässigung zentraler Handlungsmotive Federball gespielt, sondern die Dänenprinzen-Tragödie chronologisch durchgenudelt: für Wooster-Verhältnisse nachgerade erschreckend zahm.

Hollywoodstar Richard Burton stand 1964 in achtzehn Wochen 136 mal als „Hamlet“ auf der Broadway-Bühne. Die Produktion wurde live aus siebzehn Kameraperspektiven aufgezeichnet, und das Resultat – gepriesen als neues Genre des „Theatrofilms“ – an nur zwei Tagen simultan in 2000 Kinos überall in den USA gezeigt. Reichlich vierzig Jahre später im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit wählt die Wooster Group logischerweise den entgegengesetzten Weg: Die Zelluloid-Zeugnisse in ein „hypothetisches Theaterstück“ rückzuübersetzen und damit ins Mark der allgemeinen Kopie- und Sampling-Debatten zu treffen – mit allen medientheoretisch herauszudröselnden Differenzen, Irritationen und Blackouts, die ein solches Verfahren mit sich bringt.

In der Praxis sieht das ungefähr so aus: Hinter sich den Broadway-Mitschnitt und vor sich drei Kameras, die ihre Bühnenaktionen live auf drei Monitore übertragen, wirken die im Projektionswust gefangenen Schauspieler bisweilen wie die leibhaftige Illustration des Heiner-Müller-Diktums vom Verschwinden der Welt in den Bildern – und spielen auch so. Die Woosters agieren als letzte heroische Überlebende in der Simulationsmaschinerie, die ihren Konsumenten dankenswerterweise auch mit der Fernbedienung und somit einer gewissen Oberhoheit über Verzerrung, Vor- und Zurückspulen und gänzliches Wegzappen der Bilder ausgestattet hat, wovon die Theaterleute schließlich auch regen Gebrauch machen. Sie haben den Broadway-Mitschnitt digital nachbearbeitet und verfremdet, Personal wegretouchiert, unkenntlich gemacht, Sequenzen beschleunigt, treten wechselweise mit den Filmbildern in Dialog oder imitieren sie, was streckenweise ziemlich witzig anzusehen ist. Der besondere Clou besteht darin, dass die Akteure beim Live-Kopieren der Broadway-Filmkopie auf ordentlich nachgestelltem Bühnenpodest wiederum selbst partiell live gefilmt werden und somit die Kopie der Kopie der Kopie herstellen.

Das Ganze ist technisch unglaublich virtuos: Minuziös einen Film nachzuspielen, zumal aus siebzehn Kameraperspektiven, verlangt schauspielerische Höchstleistung. Außerdem beherrscht Elizabeth LeComptes Ensemble – allen voran Sheperd als Hamlet sowie Valk in sämtlichen Frauenrollen – dieses eigenwillige Changieren zwischen Imitation und mal mehr, mal weniger bewusster Emanzipation von den Vor-Bildern äußerst gut, vor allem im zweiten, aktionistischeren Teil.

Das Prinzip ist nach fünf Minuten durchschaut, muss aber ganze drei Stunden tragen, was naturgemäß immense Durststrecken zeitigt. Auch der Mehrwert für den Zuschauerkopf hält sich in Grenzen. Die Einsicht, dass zwischen Filmbild, Live-Kopie und Kopie der Kopie bisweilen platte, bisweilen witzige Differenzen wie auch Überschneidungen auftreten, kommt ja nun nicht direkt unerwartet.

Bis 30. November, 20 Uhr, im HAU 2.

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