Kultur : Tödliches Toastbrot

„Big Boy’s Toys“: Wie junge Designer mit der Ästhetik von Waffen spielen

Bodo Mrozek

Zuerst hört man es leise rauschen, als würden sich Bäume im Wind bewegen: Waldesruh. Plötzlich knallt ein Schuss, später noch einer. Salven knattern aus einem automatischen Gewehr, dann breitet sich in dem Raum wieder eine Ruhe aus, die gespenstisch wirkt: die Stille nach dem Schuss.

Der Raum ist die Galerie Designtransfer, die Schüsse kommen vom Tonband. Den Besucher der Ausstellung „Big Boy’s Toys“ empfängt eine Klanginstallation von Dirk Kretz. Der ist einer von zwölf jungen Künstlern und Designern der Universität der Künste, die hier ihre Arbeiten vorstellen. Auf den ersten Blick könnte es irgendeine Sammelausstellungen aus Mode, Design und Kunst sein, die spaßige und trendige Ideen versammelt. Es gibt Strickwaren, allerlei kuriose Objekte, Fotografie, Keramik. Doch die Materialien haben ihren ursprünglich harmlosen Charakter verloren: Auf einem farbigen Stirnband prangt ein Fadenkreuz, die schlanken Blumenvasen in reduzierter Eleganz sind auf den zweiten Blick Gewehrläufe, und selbst eine alte Toastbrotscheibe sieht aus wie ein Mordwerkzeug: Jemand hat fein säuberlich die Umrisse einer Pistole herausgeknabbert.

All diese vermeintlich lustigen, bunten Exponate beschäftigen sich mit wenig amüsanten Themen: Macht, Bedrohung und Gewalt. Auf Initiative von Achim Heine, Professor für Produktdesign an der Universität der Künste, haben sich angehende Berliner Designer auf das Thema Waffen eingelassen – und sind zu ungewöhnlichen Ergebnissen gekommen. Die Vorgabe „Tabu oder Fetisch“ ließ bewusst sowohl den diskursiven als auch den ästhetischen Zugang zu.

Denn Waffen sind längst in alle Bereiche der Populärkultur vorgedrungen: Man sieht sie auf T-Shirts, als Logos von Rap-Musikern, in Comics und fast allgegenwärtig im Film. In einem verdunkelten Raum steht ein kleines Videoprogramm zur Einstimmung bereit, das von James Bond, Johnnie To und Quentin Tarantino bis Christian Frei, Michael Moore und Andres Veiel den cineastischen Raum auslotet: von der modischen Ästhetisierung der Gewalt bis hin zur ernsthaften Auseinandersetzung mit Tätern und Opfern.

Die Ästheten unter den Gestaltern nähern sich dem Thema unbefangen: In einem kriegerischen „Waffeneisen“ von Konrad Schorlemmer kann man Gebäck in Form von Pistolen ausgießen. Er spielt mit der phonetischen Verwandtschaft von „Waffel“ und „Waffe“ und formt aus den ähnlichen, aber in ihrer Wortbedeutung scharf kontrastierenden Begriffen ein hybrides Objekt, das je nach dem bedrohlich oder banal wirkt.

Nuckeln ist die beste Verteidigung

Ein Wortspiel betreiben auch die Schmuckentwürfe „prêt-a-parer“ von Nina Liliental: Ihre Lederarmbänder sind mit Nadeln, Glasscherben und Rasierklingen gespickt, Armreifen haben scharf auskragende Klingen. Das französische „parer“ heißt sowohl „schmücken“ als auch „verteidigen“.

Mit der von Britta Böhme entworfenen ledernen Geldbörse sollte man besser keine Bank betreten. Sie hat die Form einer Pistole vom Typ Walther PPK (die alte JamesBond-Pistole) und steckt in einem passenden Schulterhalfter: Geld lässt sich bekanntlich auch als Waffe einsetzen. Sicherheitsbedürfnisse befriedigt dagegen die Milchflasche „M 24“ von Murat Koçyigit. Eine perforierte Sollbruchstelle verwandelt die Flasche mit einem Schlag in ein zackiges Stichinstrument mit 24 scharfen Zähnen. Der Erfinder empfiehlt sein Produkt im Begleittext (alle Texte stehen auf Tafeln mit den Umrissen eines Sturmgewehrs) explizit zur Selbstverteidigung – nicht zum Angriff. Diesem Zwecke dienen auch so genannte Punch Guns, die es im Waffenhandel gibt. Die Pistole MR 35 verschießt Gummibälle vom Kaliber 35 Millimeter, die den Gegner zwar treffen, aber nicht ernsthaft verletzen sollen. Weil solche Schockwaffen vor allem von Frauen und Rentnern gekauft werden, hat Katrin Kessener dieser Waffe ihre Arbeit „Grandma’s Secret Weapon“ gewidmet. Es sind Sofakissen. Die sonst auf Kissen üblichen Sonnenblumen und Katzenmotive hat sie gegen die Umrisse der MR 35 vertauscht: Sicherheitsbedürfnis und Heimeligkeit verschmelzen in erdigen Farbtönen.

Mit der Jagd beschäftigen sich die Modeentwürfe „Norwegermo(r)de“ von Tonia Welter. Ihre Strickpullover zeigen kleine Jäger, die Gewehre hochhalten, und Elche, die auf dem Kopf stehen. Jeden Herbst, so hat die Produktdesignerin recherchiert, schießen 300000 Jäger mit großkalibrigen Gewehren auf etwa 100000 Elche. Dabei tragen sie bunte Strickwaren, um nicht selbst für einen Elch gehalten zu werden. Dennoch wird durchschnittlich alle drei Jahre ein Jäger erschossen.

Die eindrucksvollste Arbeit der Ausstellung ist zweifellos „Chart of Arms“ der 1970 geborenen Sencer Vardman. Die Meisterschülerin von Katharina Sieverding hat eine Waffentapete gedruckt, auf der Sniperwaffen, automatische Gewehre und Maschinenpistolen aufgereiht sind wie die schön schillernden, aber giftigen Tiere einer Insektensammlung. Es sind genau 910 verschiedene Produkte von 171 Herstellern aus 47 Ländern. Alle Abbildungen hat sie über Monate aus dem Internet zusammengetragen, die meisten sind dort auch erhältlich. Nicht eine von ihnen dient der Jagd auf Tiere.

„Big Boy’s Toys“, bis 13. Mai , Universität der Künste (Einsteinufer 43–53, Charlottenburg). Di–Fr 13–18 Uhr. Info: www.design– transfer.udk-berlin.de

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