Kultur : Töne denken

KLANGKUNST

Volker Lüke

Festivals gibt es wie Sand am Meer. Auch die Verbindung von Musik und Bildender Kunst ist schon oft untersucht worden. Nun hat sich das Podewil dieses Themas angenommen und unter dem Titel „Sculpture Musicale“ ein herausragendes Programm zusammengestellt. Den Auftakt machen David Toop und Max Eastley, zwei alte Hasen der britischen Improvisationsszene. In konzentrierter Entspanntheit klappen die beiden Hochkaräter einen hermetischen Raum zum Wegdriften auf, produzieren fragile Klänge, ohne jedoch als öde Ambientübung zu verschallen – eine Musik, die sich in den Kopf setzt wie die Entfaltung einer Blüte im Zeitraffer. Ganz ruhig, langsam fließend. Toop pustet in exotische Flöten, während Eastley seinen selbstgebauten Brummbogen bearbeitet und mit winzigen Elektromotoren gesteuerte Skulpturen zum Klingen bringt, die wie Windspiele funktionieren.

Nicht weniger seltsam geht es beim Auftritt von Text of Light zu, einer fünfköpfigen Formation aus New York, angeführt von Sonic Youth-Gitarrist Lee Ranaldo, der zum gleichnamigen Film von Stan Brakhage improvisiert: zwei Gitarren, Saxophon, Plattenspieler und Schlagzeug. Aus dem schwebenden Dröhnen und Brodeln schälen sich einzelne Stimmen, verstörende Manipulationen der Gitarrenmagnetfelder, dramatische Perkussionsmomente, Saxophonmalmen oder Scratcheinlagen heraus. Freischwebende Rock-Psychedelia, die ihre Hörer für 70 Minuten in eine Zwischenwelt voller Zwielicht entführen, in der sich feste Konturen nur erahnen lassen. Die Unschärfe verdichtet sich in magischen Momenten reiner Stimmung - so geheimnisvoll wie die Bilder von Brakhage, die auf der Leinwand flimmern (noch bis 12.4.).

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