Kultur : Töne schichten

NEUE MUSIK

Isabel Herzfeld

„Gegen-Warten“ heißt die neue Reihe des Klangforum Wien im Konzerthaus , was vermuten lässt, dass gehörte Gegenwart für jeden etwas anderes ist, dass aber andererseits auch dringend etwas gegen das Warten unternommen werden muss, bis sie sich denn ereignet. Unterhaltsam war das von Mark Foster geleitete Eröffnungskonzert allemal, als Zeugnis heutiger Komponistenfreiheit. Michael Jarrell zeigte sich von jeher vom Tanz fasziniert, gemäß dem Ausspruch Jean Pauls: „Die Musik ist ein unsichtbarer Tanz, wie dieser eine stumme Musik“. Sein Kammerballett „Essaims-Cribles“ für Bassklarinette und Ensemble will Choreografie bereits vorweg einkomponieren. Tatsächlich sind aus bedrohlicher Tiefe aufsteigende, sich heftig zusammenknäuelnde Linien von gestischer Kraft. Sie umstricken den sich in Trillern schüttelnden Solopart des fabelhaften Ernesto Molinari, bis er über einem Klangteppich von Glocken und Beckenschlägen weit gespannte Melodik entwickelt.

Virtuos geht es auch in Clemens Gadenstätters Klavierkonzert „Comic Sense“ zu. Es versucht den Hörer auf „falsche Fährten“ zu locken: So werden die rasanten Läufe und Schüttelfiguren, mit denen sich Florian Müller bereits am Keyboard permanent selbst nachäfft, von echten oder gesampelten Glocken und Xylophon, Bläser- und Streicherglissandi auf die Schippe genommen. Die dabei entstehenden Klangwirkungen sind verblüffend, oft schattenhaft-ungreifbar, und auch das scheinbar einer wild gewordenen Czerny-Etüdensammlung entlaufene Passagenwerk ruft ungläubiges Staunen hervor. Doch können Tonleitern auf so lange Dauer wirklich fesseln – und sollte Neue Musik vielleicht nicht doch mehr sein als bloßer Zeitvertreib?

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