Kultur : Töne wie Heu

HOMMAGE

Jens Hinrichsen

„Alles ist Klang“, postulierte John Cage. Auch er hätte das Mittelding zwischen Geräusch und Musik genossen, das in der staatsbankberlin die Violin-, Viola- und Cellovirtuosen vom Ensemble Resonanz produzieren. Ihre mal flirrenden, mal kratzigen Cluster bilden den Instrumentalpart innerhalb des Gesamtkunstwerks 23 summerdays (Französische Straße 35, noch einmal heute, 20 Uhr). Eine Hommage an Cage, den Zen-Verehrer, der das Zufällige in die Musik einführte, entworfen von der Musiktheatergruppe Lose Combo . Als Ausgangspunkt der Performance diente eine Sammlung von Bildern, Tönen, Ideen, aufgezeichnet an 23 Sommertagen anno 2002. Ein faszinierender Fluxus-Abend inklusive dem implantierten Satz eines traumhaft gespielten Beethoven-Streichquartetts. Sprecher verbinden das Geflirr von sommerlichen Gedankenskizzen mit Schlaglichtern auf John Cage, etwa seinen endlosen Schachpartien mit Marcel Duchamp. Videobilder von Heuhaufen setzen sich fort in einer labyrinthischen Heuballeninstallation (aus Steinwolle), die den Zentralraum der ehemaligen DDR-Staatsbank ausfüllt. Dadurch sind die 23 Streicher optisch und akustisch voneinander isoliert – jeder Einzelne im Publikum, das an drei Hallenwände verteilt ist, hört zwangsläufig ein anderes Konzert. Dazu gestaltet jedes Nebengeräusch im Saal die Performance mit. Abgesehen von der legendären Stille in Cages Verweigerungsakt „4’33“: Nie war der eigene Tinnitus wertvoller.

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