Kultur : Toi, Toi, Toi

Neuseelands Kunst zwischen Weltmarkt und Maori-Tradition: ein Besuch auf dem Auckland-Festival

Nicola Kuhn

Neuseeland als Kulturland, das war bis vor wenigen Jahren diesseits des Äquators ein Witz. „Viel Spaß beim Schafezählen!“ wurde dem Reisenden nachgerufen und „Hals und Beinbruch beim Bungeejumping!“ Bis heute genießt das ferne Land weit eher einen Ruf als Schafzüchter-Nation und Mekka für Adrenalin fördernde Extremsportarten. Durch Jane Campions preisgekrönten Film „Das Piano“ hat sich das geändert, auch wenn es darin wieder um die Wildnis und den vergeblichen Versuch eines Kulturimports in Gestalt eines Klaviers geht. Seit diesem internationalen Erfolg gilt Neuseeland zumindest als Kinoland; Peter Jacksons Verfilmung der Tolkien-Trilogie „Herr der Ringe“ hat ein Übriges getan, wobei auch hier eher der überwältigenden Natur des südpazifischen Subkontinents die Reverenz erwiesen wird.

Im Filmbusiness ist das vier Millionen Einwohner zählende Land mit seinen elf Mal so vielen Schafen ein Faktor. Zeitgleich mit der diesjährigen Berlinale unterzeichnete Außenminister Fischer down under mit der neuseeländischen Premier- und Kulturministerin Helen Clark ein Filmabkommen. Die Erwartungen auf beiden Seiten sind hoch gesteckt, wenngleich es weniger um Filmkunst als Produktionsbedingungen und Vertriebsmöglichkeiten geht. Die bildende Kunst dagegen bewegt sich fern solch ökonomischer Raster. Sie sucht ihre eigenen Wege und wird doch häufig auf dem internationalen Markt lanciert, um das Bedürfnis nach permanenter Erneuerung zu befriedigen. In den letzten Jahren war in immer schnellerer Abfolge die Entdeckung zunächst skandinavischer, dann chinesischer Kunst zu beobachten, zuletzt wurde Malerei aus Polen von Kuratoren, Kritikern, Käufern als Trend propagiert.

Vor fünf Jahren hatte es ganz nach Neuseeland ausgesehen. Der Ausstellungsmacher René Block hatte im Museum Fridericianum in Kassel drei Generationen neuseeländischer Künstler zusammengeholt, die erste Übersichtsschau überhaupt in Europa. „Toi Toi Toi“ überschrieb er die Schau mit einem Augenzwinkern, sich und seinen Schützlingen Glück wünschend, denn „Toi“ bedeutet in Maori „Kunst“. Es sollte bei diesem einmaligen kollektiven Aufbruch nach Übersee bleiben. Das mit 23 Flugstunden am weitesten von Europa entfernt liegende Land entsandte kein zweites Mal in einer konzertierten Aktion seine Künstler.

Und doch haben die jüngsten Vertreter wie Ronnie van Hout, Peter Robinson oder Michael Stevenson von Kassel aus ihren Weg in die nördliche Hemisphäre gemacht und sich international durch weitere Ausstellungsbeteiligungen vernetzt. Herkunft spielt hierbei keine Rolle. Die Kunst muss als global player funktionieren, entsprechend werden ubiquitäre Modelle von minimal bis concept art bedient. Wer diese Werke allerdings im Lande selbst kennen lernt, wird erstaunt sein, wie stark sie ihrer Herkunft verhaftet sind, wie viel sie dem besonderen südpazifischen Kulturraum verdanken. Die Arbeiten eines Peter Robinson, der sich dagegen verwahrt, als Maori-Künstler zu gelten, entstehen gerade durch Auseinandersetzung mit den bi-kulturellen Erscheinungsformen seines Heimatlandes; die kultur-historiografischen Untersuchungen eines Michael Stevenson beziehen ihren Witz erst aus der insulären Situation Neuseelands.

Beide Künstler leben heute in Europa, beide haben sich bewusst von der kleinen, überschaubaren Szene ihres Heimatlandes abgesetzt, die allerdings in den letzten Jahren einen gewaltigen Sprung gemacht hat. In den Galerien Aucklands, dem wirtschaftliches Zentrum der ehemals britischen Kronkolonie und der mit einer Million Einwohner größten Stadt Neuseelands, entdeckt man eine Kunst, die den internationalen Standards entspricht und eigentlich auch hier ihre Abnehmer finden müsste, würden sich nicht nur die Künstler selbst, sondern in umgekehrter Richtung auch findige Kuratoren auf die Reise um den halben Globus begeben. Neben einer vitalen Galerienszene verfügt allein Auckland über vier Kunstschulen, vier Universitätsgalerien, Kunstvereine, Künstlerinitiativen, diverse Museen und eine potente Sammlerschicht. Wenige Kilometer vor der Stadt befindet sich die Gibbs Collection mit einem gigantischen Skulpturenpark, der unter anderem Richard Serras größtes Werk beherbergt, eine 250 Meter lange Stahlwand, die hügelauf, hügelab über Wiesenland verläuft.

Doch nicht die internationale Kunst macht Neuseeland zu einer Destination für die Trendscouts, sondern die spezifische Mischung aus polynesischen Einflüssen und europäisch geschulter Ästhetik. Auckland bildet dafür das ideale Labor mit seiner Einwohnerstruktur aus 14 Prozent Emigranten von den pazifischen Inseln, elf Prozent Maori, 13 Prozent Asiaten und dem Rest Pakeha, was in der Sprache der Maori Fremder bedeutet, also Ursprungseuropäer meint. Auckland hält sich diesen besonderen ethnischen Mix zugute und setzt mit seinem spätsommerlichen Kulturfestival im März, den diversen Theatern, Tanzperformances, Ausstellungen, auf die multikulturelle Karte. So zeigt der junge Maori-Dramatiker Kirk Torrance sein Bergarbeiter-Stück „Strata“, das zwar im 19. Jahrhundert auf der Südinsel spielt, aber die Verhältnisse heute meint. Die Choreografin Nina Nawalowalo, Tochter einer Britin und eines Fidjis, inszeniert die Urbegegnung der Frauen mit dem Meer als moderne Tanzperformance im knietiefen Wasserbecken.

Die kulturellen Kreuzungen erweisen sich zumal in der bildenden Kunst Neuseelands als animierend. Die südpazifischen Einsprengsel – Gesichtstätowierungen, Maori-Bezeichnungen an offiziellen Gebäuden, Palmen – gehören zum alltäglichen Erscheinungsbild in der architektonisch von Skyscrapern wie von Jahrhundertwende-Häusern geprägten Metropole. Maori-, Samoa-, Fidji-Künstler haben ihren festen Platz in der Szene; umgekehrt finden sich Spuren ihres kulturellen Hintergrundes in den Pakeha-Produktionen. Zu einem der interessantesten Vertreter gehört derzeit Francis Upritchard (Jahrgang 1976), dessen idolhafte Wachsfiguren in samtenen Futteralen sich auch in der Londoner Saatchi Collection befinden. Dieses Doppelspiel mit dem Background des „Eingeborenen“ bedient meisterhaft auch Michael Parekowhai (Jahrgang 1968), indem er etwa die Pattern eines Maori-Gemeinschaftshauses zu einem minimalistischen Muster reduziert. Der transsexuelle Fotograf Shigehuki Kihara (Jahrgang 1976) wiederum decodiert in seinen historisierenden Selbstporträts das in der samoanischen Gesellschaft durchaus gängige Phänomen der Doppelgeschlechtlichkeit.

Das international erwachende Interesse an ihren Arbeiten lässt sich jenseits des Exotischen mit dem Faktor Authentizität erklären. Diese Künstler verarbeiten ihre Verbundenheit mit archaischen Lebensformen, Ritualen, Glaubensäußerungen, die den westlichen Gesellschaften, der globalisierten Weltgemeinschaft abhanden gekommen sind. Die Sehnsucht nach Spuren des wahren Lebens, ursprünglicher Erfahrung hat ihnen – abgesehen von einer künstlerisch bemerkenswerten Umsetzung – die Türen der Museen und Galerien geöffnet. Zumindest in Neuseeland. Der nächste Schritt müsste eigentlich folgen. Toi Toi Toi!

Das Auckland Festival läuft bis 13. März. Bis 29. Mai zeigt die Auckland Art Gallery die ausgezeichnete Ausstellung „Mixed Up Childhood“ mit internationaler Besetzung.

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