Kultur : Tokio Hotel

Diese Woche auf Platz 25 mit: „Schrei“

Ralph Geisenhanslüke

Smells like Teen Spirit? Das war einmal. Diese Jungs aus Magdeburg mögen vielleicht schon pubertieren. Die meisten ihrer Fans tun es noch nicht. Tokio Hotel sind ein Lehrstück in Sachen Marketing: Zielgruppe erkannt und umzingelt. Hauptsächlich Mädchen zwischen sechs und 15 Jahren. In Trier sind kürzlich ein paar hundert von ihnen kollabiert, noch ehe die Band überhaupt auf der Bühne war. Bei den Konzerten sind die Fans meist lauter als die Musik. Sie kommen der Aufforderung der Band nach: „Schrei! Bis du du selbst bist!“

Tokio Hotel pflanzen schon den Kleinsten, die morgens nicht zur Schule wollen, das Virus des Widerstands ein: „Du stehst auf und kriegst gesagt, wohin du gehen sollst. Wenn du da bist, hörst du auch noch, was du denken sollst.“ Urschrei-Therapie für Zweitklässler. Wo Erfolg ist, da ist Häme nicht weit. Sicher bleibt nach einem Live-Eindruck zu hoffen, dass die Einnahmen der Band später noch mal für ein paar instrumentale Unterrichtsstunden reichen. Aber natürlich sind sie nur halb so wild, wie ihr Outfit vermuten ließe. Und Ihre Anhängerschaft auch. Da können Opa und Oma, falls sie 1965 bei den Stones in der Waldbühne waren, nur milde lächeln. Und im Vergleich zum Stumpf-Rapper Bushido, dessen Anhänger letzte Woche in Berlin- Wedding einen Media-Markt zerlegten, wirken Tokio Hotel und ihre Anhängerschaft geradezu eloquent. Schließlich hatte die Band ihren ersten Auftritt 2003 beim Schülerwettbewerb „Hegel Rockt“. So kommen im deutschen Musikgeschäft Adrenalin und Anspruch wieder zusammen. Das ist endlich mal was anderes als die ewigen Seifengesichter von „Deutschland sucht den Klingelton“.

Und wo die Konzernbosse gerade in Kondergartenstimmung sind, hier noch eine Prognose für den nächsten Hype: Es gibt eine Band, bei deren coolen Outfits und eingängigen Songs schon Zwei- bis Dreijährige den Laufstall rocken: Es ist höchste Zeit für ein Comeback der Teletubbies.

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