Kultur : "Tokyo Subway": Der stille Horror von Sarin

Peter Laudenbach

Das Stichwort für den Abend liefert eine freundliche Therapeutin, die unermüdlich ins Publikum lächelt, energisch auf und ab geht und offenbar durch nichts zu erschüttern ist. "Das Post-Traumatic-Stress-Syndrom" sei viel zu wenig erforscht, gibt sie zu verstehen. Aber klar sei, dass "der Horror von Sarin" erst einmal "versprachlicht" werden müsse. Dieser posttraumatischen Versprachlichung des Giftgasanschlags der AUM-Sekte auf die Tokyoter U-Bahn vor fünf Jahren widmet sich Dirk Cieslaks "Lubricat"-Inszenierung "Tokyo Subway" in den Sophiensälen. Die Art und Weise, in der das Stück dies Lubricat-typisch minimalistisch tut, könnte man als Post-Dramatic-Non-Stress-Syndrom beschreiben. Das Ausgangsmaterial ist dokumentarisch: Es stammt aus Gesprächen, die der japanische Schriftsteller Haruki Murakami mit Überlebenden des Anschlags geführt hat.

Dirk Cieslaks Inszenierung vermeidet jede theatralische Zuspitzung, der Schrecken des Attentats wird nicht szenisch illustriert, er schwebt nur als verstörende Erinnerung im Raum und durchdringt die Redefetzen der Überlebenden. Nur einmal erlaubt sich die Inszenierung eine kurze, bösartige Annäherung an die Wirklichkeit des Terror-Anschlags. Eine Gasflasche wird auf die Bühne geschoben, und während aus dem geöffneten Ventil mit einem leisen Rauschen Gas austritt, verharren die Bühnenfiguren still und wie gelähmt in ihren Stühlen: Der Schrecken ist leise, unauffällig und dezent und gerade darum um so Grauen erregender. Ähnlich dezent gibt sich die Inszenierung generell. Der Schock des Anschlags wird mit einem Anti-Schock-Theater aufgefangen, das auf grelle Effekte weitgehend verzichtet und sich zurückhaltend darauf beschränkt, das verstörte Gerede vorzuführen, die hilflosen Versuche, den Schrecken zu verarbeiten und nachher wieder so etwas wie Normalität herzustellen.

Diese posttraumatischen Normalisierungsversuche sind nicht frei von einer traurigen Komik. Die Figuren entwickeln lächelnd und plappernd hilflose Abwehrstrategien, die den Schrecken überspielen wollen und doch nur demonstrieren, wie wenig die Attentatsopfer ihn verarbeiten konnten, wie sehr der Einbruch des Schocks in die banale Ordnung des Angestelltenalltags das Leben der überlebenden U-Bahn-Insassen auseinander reißt. Eine Frau mit knallroter Plastiktasche muss dauernd kichern, wenn sie versucht, von dem Attentat zu erzählen. Ein Herr im grauen Anzug, Angestellter des Verteidigungsministeriums, klammert sich an seine Aktentasche und eine bürokratische Steifheit, um seine Unverletztheit zu demonstrieren. Ein Junge in Felljacke und Szene-Outfit kratzt sich permanent nervös am Arm, eine Frau im gehäkelten Rock, der man sofort glaubt, dass sie den Sinn ihres Lebens darin sieht, Dinosaurier-Plastikfiguren aus Kinderüberraschungseiern zu sammeln, muss ständig verlegen lächeln, als sei es ihr peinlich, dass sie fast an dem Giftgas gestorben wäre.

Diese hilflosen Versuche, nach dem Schock Normalität zu behaupten, sind das beängstigende Zentrum der Inszenierung. Ihr eigentliches Thema aber ist die Zerbrechlichkeit zivilisatorischer Ordnung, die Gefährdung hochkomplexer Gesellschaften, der Einbruch einer verstörenden Gewalterfahrung, eines atavistischen Schreckens in das gedämpfte, glatte Funktionieren moderne Angestellten-Milieus. Indem sie dieses Thema so beiläufig und unpathetisch wie möglich einkreist, gelingt es ihr, sich dem Schrecken auszuliefern, ohne ihn zur exotischen, Kino-tauglichen Sensation zu stilisieren. Das andere Thema der Inszenierung sind die Versuche der Figuren, sich selbst zu inszenieren, durch ästhetische Selbstrepräsentation mit korrektem Anzug oder punkigem Nietengürtel, im lila Lederkostüm oder im mit amerikanischen Fahnen bestickten Jeanshemd so etwas wie Individuation in der Funktionsgesellschaft zu demonstrieren, Versuche, die naturgemäß einer gewissen Komik nicht entbehren und in den zwanghaft gut gelaunten Sprachfloskeln, im Geplauder, das für die Schreckenserfahrung keinen Ausdruck hat, ihre verbale Fortsetzung findet. Selbst die Nähe des Todes, selbst der Schock der Gewalterfahrung kann die glatte Oberfläche nicht wirklich durchbrechen. Dazu passt die Bühne. Sie ist von klinischer Sauberkeit, ein aseptisch cleaner, vollkommen unpersönlicher Raum, eine weiße Fläche mit weißen Plastikstühlen, einem großen Kühlschrank und einer Rückwand aus durchsichtigem Plastik. Indem die Inszenierung die Insassen dieser Angestelltenhölle vorführt, zeigt sie nebenbei das Milieu, in dem Endzeit-Sekten und Amokläufer gedeihen.

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