Kultur : Tolldreiste Minne

Steffen Richter

lauscht ketzerischen Gesängen „Romanexposés sind unnötig“, teilte Laura Salman dem Aufbau-Verlag Mitte der siebziger Jahre mit. Denn Schriftsteller, die sich daran hielten, erklärte die fiktive Diplom-Germanistin und Triebwagenführerin der Berliner S-Bahn, seien keine. Wenn Verleger aber durchaus Exposés brauchten, sollten die Autoren gemäß dem „Abweichgrad (AG)“ zwischen Exposé und Roman honoriert werden.

Das ist nur eine der tolldreisten Ideen, die man in den Romanen von Irmtraud Morgner zuhauf findet. Mit ihrer exzessiven Fantasie hat sie wie nur wenige am verordneten deutschen demokratischen Realismus vorbei geschrieben. Besagte Laura Salman, die Mittelpunkt einer Trilogie werden sollte, bekommt in dem aberwitzigen 700-Seiten-Roman „Trobadora Beatriz“ (1974) ihren ersten Auftritt. Und zwar als Spielfrau einer fahrenden Sängerin, die aus der Provence des 12. Jahrhunderts mittels Zauberschlaf ins vermeintlich „gelobte Land“, die DDR, expediert worden war … Immer ging es Morgner ums Geschlechterverhältnis, um eine kranke, aber nicht hoffnungslose Männerwelt, die mit ihrem Zweckrationalismus und Technokratentum den Planeten zu verheeren droht. Der Schreibimpuls gleicht also dem einer Christa Wolf. Nur dass bei Irmtraud Morgner keine Kassandra raunt. Im Gegenteil: In „Amanda“ (1983), dem zweiten Teil der Trilogie, wohnt Lauras für die Arbeitswelt unbrauchbare Hälfte als Hexe auf dem Hörselberg und begegnet der katastrophischen Welt mit schallendem Gelächter.

Die Irmtraud-Morgner-Woche , die vom 25. bis 29.7. im Brecht-Haus stattfindet (Chausseestr. 125, Mitte, jeweils 20 Uhr), kommt also gerade recht, um die fast vergessene Schriftstellerin in Erinnerung zu rufen. Am 28.7. unterhalten sich Kerstin Hensel und Jens Sparschuh über die „geniale Ketzerin“. Und am 29.7. berichtet der Schweizer Autor und Nachlassbetreuer Rudolf Bussmann über den geplanten dritten Band der „Salman-Trilogie“, den er aus Manuskripten rekonstruiert und als „Das heroische Testament“ herausgegeben hat.

Als Irmtraud Morgner im Mai 1990 mit nur 56 Jahren starb, schrieb Ingo Schulzes Protagonist Enrico Türmer gerade zahlreiche Briefe über die „Wendezeit“. Viel mehr ist von Schulzes opulentem Briefroman „Neue Leben“ (Berlin Verlag), der im Oktober erscheinen soll, noch gar nicht bekannt. Doch natürlich wird von dem Erfolgsautor („33 Augenblicke des Glücks“, „Simple Storys“ ) erneut ein großer Wurf erwartet. Einen Vorgeschmack liefert Ingo Schulze , wenn er heute im LCB aus dem Buch liest, das es noch gar nicht gibt (Am Sandwerder 5, Zehlendorf, 20 Uhr). Außerdem diskutiert er mit der Publizistin Silvia Bovenschen und dem Lyriker Lutz Seiler, welche Auswirkungen geschichtliche Umwälzungen auf die Literatur haben. Wie schrieb Schulze? „Aber man muss jetzt das Mittelmeer sehen.“ Ein weiser Satz, auch nach 16 Jahren.

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