Kultur : Tolle Häuser

Berlins Theaterintendanten reden im Parlament

Sandra Luzina

Es dauerte exakt zweieinhalb Stunden, bis Claus Peymann der Kragen platzte. Bis dahin war die Anhörung im Kulturausschuss völlig unaufgeregt verlaufen. So betulich ging es am Montagmorgen im Berliner Abgeordnetenhaus zu, dass man jede Hoffnung auf Streit, Dissens, Polemik oder gar Gladiatorenkämpfe fahren ließ. „Die großen (Sprech-)theater in Berlin und ihre künstlerische Perspektive“ standen auf Antrag der Fraktion Bündnis 90/Grüne zur Debatte. Alice Ströver, die Vorsitzende des Kulturausschusses, freute sich auf eine „echte Premiere“. Denn es sei noch nie vorgekommen, dass die Intendanten der wichtigsten Berliner Bühnen im Kulturausschuss Rede und Antwort standen. Im so genannten Unterausschuss Theater gab es schon einmal ein vergleichbares Event; in diesem Gremium geht es allerdings immer nur um Geld, nicht um Kunst.

Traumhaftes Casting. Alle waren zum Schaulaufen erschienen: Bernd Wilms (Deutsches Theater), Frank Castorf (Volksbühne), Claus Peymann (Berliner Ensemble), Thomas Ostermeier und Jürgen Schitthelm (Schaubühne), Armin Petras (ab nächster Spielzeit Intendant des Maxim Gorki Theaters) und Matthias Lilienthal (Hebbel am Ufer). Ein bisschen kamen die glorreichen sechs sich wohl vor, als müssten sie nachsitzen. Doch alle hatten brav ihre Hausaufgaben gemacht: Mal geduldig-pädagogisch, mal lustlos waren ihre Ausführungen zur Programmatik der Häuser, die doch längst bekannt sein dürfte.

Es sollte bei dieser Anhörung mal nicht ums Geld gehen. Und so war den Geladenen nicht klar: Gegen wen geht es eigentlich? Also keine Klassenkeile. Bernd Wilms gab gleich den Musterschüler. Er verriet in Bundestrainer-Manier seine Aufstellung. Mit Jürgen Gosch, Dimiter Gotscheff, Barbara Frey und Michael Thalheimer habe er die wichtigsten Regisseure an das Deutsche Theater gebunden. Und wenn er sich damit auch an der „Grenze zur Angeberei“ bewege: Die Zahlen des Deutschen Theaters seien „beeindruckend“, sagte Wilms.

Er fühle sich an eine Ministerratssitzung in der DDR erinnert, maulte Frank Castorf. Der gleich den Blues bekam: „Es ist ja doch viel Zeit vergangen.“ Melancholisch blickte er auf seinen künstlerischen Aufbruch im Jahr 1992 an der Volksbühne zurück. Um dann mit Brecht festzustellen: „Das Chaos ist aufgebraucht.“ Sein Dilemma beschreibt Castorf so: „Biste zu viel in Berlin, kriegst du schlechte Laune. Biste zu viel in der Welt, tritt gleich der Klinsmann-Effekt ein.“ Das hinderte ihn aber nicht daran, von seinen Gastspielen in Brasilien und von dem Commandante Sanchez auf Kuba und dessen Revolutionsromantik zu schwärmen.

„Ich interessiere mich nicht für Brasilien“, war die Replik Claus Peymanns, der in sich „die Fackel des Nationaltheaters“ trägt. Nicht Konzepte, sondern Personalien seien das Entscheidende, belehrte er die Abgeordneten, um sogleich ein düsteres Zukunftsszenario zu entwerfen. In drei Jahren geht bekanntlich die Ära Peymann in Berlin zu Ende – das sei gleichbedeutend mit dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Für den anwesenden Professor Jürgen Tauchnitz von der Fachhochschule Lausitz, der 2002 und 2004 eine Besucherbefragung in Berliner Theatern durchgeführt hatte, hatte Peymann nur Spott und Hohn übrig. Denn Tauchnitz beging den Fehler, sich als Betriebswirt zu outen, der sich eher mit „Waschpulver und Schokolade“ auskenne. Und schwadronierte dann über die „Ausschöpfung des Marktpotenzials“.

Matthias Lilienthal war es überlassen zu bilanzieren: „Das Theater steht in dieser Stadt gut da.“ So unerträglich war der allgemeine Konsens, dass Peymann sich endlich erbarmte: „Das Irrationale, Wahnwitzige von Kunst begreifen Sie gar nicht!“, rief er in einem perfekt inszenierten Wutausbruch den Abgeordneten ins Gesicht. Zugleich attackierte er die Kollegen für ihre betulichen Versuche, Kunst in eine Streichholzschachtel zu packen, „während wir doch nach dem Kosmos greifen“.

Auch Castorf ließ sich endlich zum Ausruf „Mut zum Exzess“ hinreißen. Der „alte Impresario“ – so Castorf über Peymann – hatte alle aus der Reserve gelockt. Dabei blieb es: „Wir sind alle viel toller und wahnwitziger, als es den Anschein hat“, bekräftigte Klassensprecher Peymann. – Gut, dass wir darüber geredet haben.

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