Kultur : Tom Peuckert: Tanz den Martin Wuttke!

Rüdiger Schaper

Antonin Artaud in seinen letzten Jahren: ein menschliches Wrack. Zu Grunde gerichtet von Medikamenten und Elektroschocks. Der Künstler in der Revolte - sie endet in der Psychiatrie. Die Fotografien zeigen einen Heiligen, einen Clown. Einen King Lear, einen Clochard. Auf den Trümmern Europas werde man Artaud als Klassiker lesen, hat Heiner Müller prophezeit. Man hatte den französischen Feuerkopf, Schauspieler, Pamphletisten vergessen und verdrängt. Und missverstanden: In den siebziger Jahren galt "Das Theater der Grausamkeit", Artauds berühmte Kampfschrift, als Pflichtlektüre der Avantgarde. Eine Modeerscheinung, ein theoretischer Rattenschwanz. Eine Programmheftleiche.

Wer war Artaud? Ein Surrealist, der nachher die alten Mitstreiter, André Breton und Co., bekämpfte? Ein Größenwahnsinniger? Ein Nietzscheaner? Ein Hölderlin des 20. Jahrhunderts? Warum durchzuckt es einen immer noch, wenn dieser Name fällt? Weil er, wie Jesus Christus, Karl Marx und Marilyn Monroe, den Menschen in der Alltagskultur daran erinnert, dass es unerreichbare Notwendigkeiten gibt zwischen Himmel und Hölle, denen man lieber aus dem Weg geht. Die den Betrieb blockieren.

Der Berliner Autor Tom Peuckert, Jahrgang 1962, hat einen Theatertext geschrieben, einen Monolog für einen Schauspieler, der Artaud den staubigen Bücherregalen entreißt. Dass dies gelingt, ist an sich schon bemerkenswert. Und diese "Halluzination", wie Peuckert es nennt, entspinnt sich tatsächlich auf den "Trümmern Europas". Und ein bisschen auch auf den Trümmern des Theaters, das man sich erhofft hatte für die Hauptstadt Berlin. Antonin Artaud und Adolf Hitler: eine Begegnung im Romanischen Café im Jahre 1932, rein fiktiv. Und auch nicht: Artaud war zu jener Zeit tatsächlich in Berlin gewesen, zu Dreharbeiten. 1943, in der Anstalt von Rodez, richtete er an den Gröfaz einen Gaga-Brief (... und weil ich zu Gott bete"), der von Artauds Aufsehern abgefangen wurde.

"Artaud erinnert sich an Hitler und das Romanische Café": eine Fußnote der Geschichte. Ein Schlaglicht auf eine finstere Epoche. Vor allem: ein fulminanter Theaterabend im Berliner Ensemble. Martin Wuttke, einer der ersten, aber viel zu wenig beschäftigten Schauspieler dieser Stadt, hat endlich wieder zugegriffen, zugeschlagen. Der kontrollierte Wahnsinn, das ist sein Fach. Und Brechts Hitler-Parodie "Arturo Ui" (aus der Inszenierung Heiner Müllers) sein Markenzeichen. Damit spielt er hier, mit dem hechelnden Hitler-Hund - und darüber hinaus. Wuttke allein, Wuttke solo, Wuttke eingesperrt in einem Container mit Glasscheibe; irgendetwas zwischen "Big Brother", Eichmann-Prozess, Beckett ("Das letzte Band") und Rundfunkstudio. Artauds letzte Texte in den späten vierziger Jahren waren Radio-Dramen, exzessive Hörfunk-Performances, die zu seinen Lebzeiten nicht zur Ausstrahlung gelangten. Wuttke holt das nach. Artaud am Mikrofon. Eremit, Versuchsperson. Und Entertainer! Von Gnaden!

Die Perspektive sei komödiantisch, sagt Tom Peuckert. Wie könnte es anders sein - Artaud, der die Welt in Brand setzen wollte mit seinem Theater, erträumt sich Hitler, den verhinderten Künstler, dem es gelang, Europa in Schutt und Asche zu legen. Peuckerts Stakkato-Text erinnert nicht von ungefähr an die Hasstiraden eines Thomas Bernhard, wenn er gegen das "stinkende Theater", das "Kunstgesindel" und die "Öffentlichkeitsidioten" der Presse und Theaterkritik abkotzt. Das hat etwas Obszön-Österreichisches, wie die Fäkaldramen des früh verstorbenen Werner Schwab. Die alten und die neuen BE-Traditionen sind auf wundersame Weise gewahrt in dieser Uraufführung: zwischen Bernhard, Müller und Brecht. Aber das hat bei Peuckert, dem Jüngeren, auch noch eine andere Qualität. Artaud und Hitler, Kunst und Macht im denkbar größten Extrem, begegnen, vereinigen sich auf dem offenen Feld des schauspielerischen Irrsinns eines Martin Wuttke.

Er trägt ein giftgrünes Hemd, sitzt unter einer Häkellampe und liebkost eine traurige Zimmerpflanze. Das ist des Spießers Wunderhorn. Er malt sich mit Filzstift ein Hitlerbärtchen auf die Scheibe und presst sein Gesicht in die Ikone. Er fletscht die Zähne, er grinst wie ein Schulbub, spielt die aasige Unschuld eines Schwerbrechers. Er zerfleddert sich den Schädel vor Kopfschmerzen, kreischt das Wort Aspirin heraus, als läge darin die Weltformel verborgen. Er hält inne. Starrt ins Parkett. Nagelt die Zuschauer fest, die ihm atemlos hinterher hecheln. Wuttkes Suggestivkraft ist ungeheuer. Welcher Schauspieler vermag es, ein voll besetztes Theater dieser Größe aufzumischen - durch eine Glasscheibe?! In vielfacher ironischer Brechung! Wuttke mimt - mit französischem Akzent - Monsieur Artaud, der sich in Sekundenbruchteilen in Herrn Hitler verwandelt, durch Arturo-Ui-Faxen hindurch, bis zum Aznavour-Chanson.

Die multiple Persönlichkeit Adolf Artaud beschäftigt sich mit dem unaufhaltsamen Abstieg des 20. Jahrhunderts. Eine Höllenfahrt. Fürchterlich unterhaltsam. Man begreift: Artaud ist keine Theorie, sondern ein Zustand. Ein Zustand schauspielerischer Erregung, Konzentration und Verausgabung. Eine Kerze, die an beiden Enden brennt und in der Mitte explodiert. Aber ganz langsam.

Dem Regisseur Paul Plamper und dem Ausstatter Paul Lerchbaumer ist das große Kompliment zu machen, dass sie Bedingungen schufen, unter denen Wuttkes bestialische Kraft und seine mimisch-gestische Ökonomie sich die Waage halten; die Nervenwaage, wie es der besessene Anatom Artaud ausgedrückt hätte. Natürlich ist dieser 75-Minuten-Gewaltritt ein Kommentar zur Lage der Berliner Theater. One-Man-Shows sind billiger als riesige Ensemblestücke, und das Hitler-Thema kommt immer gut an. Tanz den Martin Wuttke!

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