Kultur : Tom Wolfe führt seine Leidenschaft für süffisanten Small Talk vor

Elisabeth Binder

Der Schriftsteller plädierte gegen den Betroffenheitsroman, lamentierte über die Magersucht der amerikanischen Literatur der Gegenwart und lobpries den RomanElisabeth Binder

Ja, er trug tatsächlich einen weißen Anzug, eierschalfarben, um exakt zu sein. Und dazu eine gleichfarbige Krawatte, schwarz eingefasste weiße Schuhe und natürlich eine weiße Brille. Nicht gerade das Outfit, in dem sich ein einigermaßen dezenter Mensch ins Tacheles begeben würde, aber dezente Auftritte zählen auch nicht gerade zu den Stärken des amerikanischen Schriftstellers Tom Wolfe. Er war seiner Zeit schon immer voraus: Künstlerisch (oder handwerklich), als er in den 60er Jahren mit seinen literarischen Gesellschaftsreportagen den New Journalism prägte. Aber auch auf dem Gebiet der Selbstdarstellung war er, lange bevor die Kreation eines eigenen Images unabdingbarer Bestandteil einer einigermaßen passablen Karriere wurde, führend. Wie er zu dem weißen Anzug als Markenzeichen kam, erzählt er, mit elegant übergeschlagenen Beinen auf der Tacheles-Bühne seiner überraschend jungen Fangemeinde.

Anfang der 60er Jahre pflegten junge Reporter in New York Jackett und Krawatte zur Arbeit anzuziehen. Er kam im späten Frühling, und für den Sohn eines Plantagenbesitzers aus den Südstaaten war es nichts Ungewöhnliches, sich einen weißen Anzug zu kaufen. Allerdings war der Stoff für den schwülen New Yorker Sommer zu dick. Er trug ihn also im Winter weiter, merkte, dass die Leute des Anzugs wegen auf ihn aufmerksam wurden, sah sich auf abendlichen Partys plötzlich in der Rolle des Interviewten (statt des Interviewers) und war fortan auf weiße Anzüge festgelegt. Leider verriet er nicht, wie viele er besitzt, denn spätestens seit dem Weltbestseller "Das Fegefeuer der Eitelkeiten" kann der notorische Dandy seiner Leidenschaft, alle fünf bis sechs Stunden den Anzug zu wechseln, um die Makellosigkeit des Erscheinungsbildes sicherzustellen, ja hemmungslos frönen.

Das war schon ein schöner Kontrast: Die schwarz-roten Wände mit bloß liegenden rostigen Rohren und klaffenden Betonwunden verbreiteten so eine loftige Atmosphäre, die an Downtown Manhattan erinnert, zu dem der feingezwirnte Meister des Wortes eine etwas komplizierte Beziehung hat. Auf der Bühne präsentierte er sich als amüsanter Plauderer; wo er steht, scheint automatisch immer die Atmosphäre einer Party der New Yorker upper class zu entstehen. Viel lustiger als die Lesung aus dem neuen Buch "Ein ganzer Kerl", waren deshalb seine im Plauderton vorgetragenen Erzählungen über das "Trophy Wife", das ein arrivierter amerikanischer Geschäftsmann sich als Belohnung für finanzielle Erfolge zulegt. Immer spürbar, die Lust am süffisant hochgestylten Small-Talk, aber auch am ironischen Fabulieren, wenn er von seinen Eindrücken von Berlin erzählt, wie er "Herden von Kränen" entdeckt hat und sich sicher war, dass die Banken hier genau das tun, was sie am liebsten machen, "lending money a mile a minute", Geld mit Spitzengeschwindigkeit zu verleihen.

Der Applaus ist groß für seine Lesungaus dem neuen Buch "Ein ganzer Kerl".Mr. Zeitgeist, wie er in den 60er Jahren genannt wurde, hat den Anschluss offensichtlich nicht verpasst. Es folgt ein Plädoyer Tom Wolfes gegen den Betroffenheitsroman, ein Lamento über die Magersucht der amerikanischen Literatur der Gegenwart, eine Lobpreisung des Romans als einzige Kunstform, die Menschen in das Innere eines anderen Menschen zu führen vermag. Das Sammeln von Originalmaterial ist nach seiner tiefen Überzeugung das Fundament, auf dem der Romancier aufbauen muss: "Wenn er sich schreibend darüber zu erheben vermag, umso besser." Er redet sich so in Feuer, dass seine Stimme einen Augenblick lang die süffisante Färbung verliert. Sogar das Eierschalen-Outfit gerät darüber in Vergessenheit. Er mag seiner Zeit voraus gewesen sein, aber das weiß man im Berlin dieser Tage ganz gut: Auch in begnadeten Selbstdarstellern kann sich ein Feuer verbergen. Oder ein ernster Kern.
© 1999

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