Kultur : Tomatengesänge

Der Dichter Serge Pey im Berliner Institut Français

Steffen Richter

Die Tomate kam erst mit Kolumbus nach Europa. Dort hat sie nicht nur in die Küche Eingang gefunden, sondern auch in die Literatur. Wie bei dem französischen Schamanen-Dichter Serge Pey. Der platziert, nachdem er säuberlich die Stümpfe entfernt hat, je eine Tomate auf 23 beschriebene Papierblätter, die er vor sich ausgelegt hat. Dann bindet er sich Schellen an die Füße und stampft sich mit zunehmender Geschwindigkeit in Trance. Die „direkte Poesie“, Peys Erfindung, hat ihren Auftritt.

Blatt für Blatt deklamiert er seine Texte und zerpflückt dabei über dem Papier Tomate für Tomate. So entsteht sie, die „Ligne rouge“, die rote Linie, wie Peys Performance heißt. Am Ende erinnert der Fußboden im Institut Français, wo einer der vier Berliner Auftritte Peys stattfand, ein wenig an die Bühne des frühen Castorf. Das Spektakel setzt gleichermaßen auf Rhythmus und Stimme, auf die Atmosphäre, die Pey erzeugt und die Botschaften seiner Texte. In ihnen geht es um Feuer und Wasser, Vater und Mutter, Licht und Schatten, Gott und die Götter – Geschichten von Kreisläufen.

Aber es geht auch um Buchenwald, Goethe, Pasolini und Kants Sinnbild der Taube, die ohne Luftwiderstand womöglich noch leichter fliegen würde. Peys Vorstellung versteht sich sogar als Hommage an diese Taube, also an die Leichtigkeit einer allumfassenden Poesie. Wenn er sich über seine Tomaten beugt, scheint Pey, der bei den mexikanischen Huichol-Indianern gelebt hat, in Schamanen-Art Zwiesprache mit den Toten zu halten. Der Kreis schließt sich: Tomaten wurden ursprünglich von den Azteken in Mexiko kultiviert.

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