Kultur : Tomatensaft im Transitzug

Zum 100.Geburtstag des Kinos wurde 1995 erwählten deutsche Kritiker in einer Umfrage Fritz Langs "M" als besten Film aus nationaler Produktion.Überraschend ist dies insofern, als man in Deutschland mit dem Genrekino, erst recht mit dem fast völlig ins Fernsehen verbannten Krimi so seine Probleme hat.Doch seit dem Niedergang des "Neuen Deutschen Films", erleben Genrefilme eine zaghafte Renaissance, die sich bisher jedoch fast ausschließlich auf Komödien beschränkt.Kein Wunder also, daß das Filmboard Berlin-Brandenburg seine Beteiligung an der Reihe "Abgründe der Phantasie" auch als Nachwuchsförderung versteht.Die ersten "Berliner Filmbegegnungen" wollen den Blick auf den deutschen Kriminalfilm lenken.Eingebunden wurde das traditionelle Symposium der Stiftung Deutsche Kinemathek, das am vergangenen Wochenende im Arsenal stattfand.

Eine der Entdeckungen dort war "Heroin", ein 1967 entstandener Defa-Film, der sich um den Rauschgiftschmuggel aus dem Nahen Osten nach West-Berlin via Tomatensaftdosen im Transitzug dreht.Wie der Historiker Michael Hanisch erläuterte, setzte die Defa seinerzeit verstärkt auf Genrefilme, nachdem das 11.ZK-Plenum alle kritischen und formal ambitionierten Filme in den Giftschrank verbannt hatte.Doch wo sollte man die Verbrecher hernehmen, die ja nicht immer nur vom "Klassenfeind" kommen konnten? Die "ganze Muffigkeit dieses Landes", schlage einen aus Filmen wie "Heroin" entgegen, bemerkte der selbst aus der DDR stammende Hanisch.Und in der Tat ist der Film auch ein hervorragendes Beispiel für das DDR-typische Bemühen um Weltläufigkeit: Man sieht fast nur Neubauten, fährt auch mal ein Westauto, reist nach Budapest und auf den gemäßigt exotischen Balkan.Es gibt schicke Bars und pittoreske Dörfer, ein bißchen Action, und es wird auch mal in fremden Zungen parliert, wenngleich alle Franzosen, Ungarn und Jugoslawen auch untereinander in lupenreinem Deutsch kommunizieren.

"Das Verbotene sich - zumindest in der Phantasie - zu gestatten", ist für den Publizisten Norbert Grob, der die Filmbegegnungen leitet, ein wesentliches Moment des Krimis, den er als "Genre des Subversiven" sieht.Freilich, so wäre anzumerken, schlug sich der deutsche Hang zum Düsteren im Kino eher in Melodramen oder Horrorfilmen nieder.Und nach 1945 versickerte das Abgründige in Psychodramen, in denen vor allem die - meist weibliche - Seelenpein ausgekostet wurde.Die obrigkeitsstaatliche Prägung Deutschlands ließ außerdem, wie auch auf dem Symposium betont wurde, lange Zeit nur den (älteren) Kommissar zu, väterlich strafend und vom Unrat um ihn herum unberührt, derweil der Detektiv als urdemokratische Figur fremd blieb.Heinz Drache oder Joachim Fuchsberger als elegante, junge Polizisten, die in den Edgar-Wallace-Filmen bisweilen sogar körperlichen Einsatz zeigten, waren insofern schon ein Fortschritt.

Wie sich inzwischen die Verhältnisse gewandelt haben, ist von heute bis Sonnabend in der Akademie der Künste zu sehen.Außerdem ermöglichen die dortigen Werkstattgespräche Begegnungen mit Autoren und Regisseuren wie Nico Hofmann ("Der Sandmann"), Max Färberböck ("Bella Block"), Reinhard Münster ("Die Straßen von Berlin") oder Michael Farin ("Der Totmacher").Sie werden zu Themen wie "Krimis & Literatur" oder "Krimis in deutschen Regionen" diskutieren.

Bis Ende Juni bietet zudem das Zeughaus eine kleine Retro deutscher Krimis, darunter bemerkenswerte Werke aus den fünfziger Jahren - etwa Rudolf Jugerts Fernfahrerkrimi "Nachts auf den Straßen" mit Hans Albers und Hildegard Knef und Gerd Oswalds "Am Tag, als der Regen kam" über eine West-Berliner Jugendbande. gym

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