Tomás Saracenos "Cloud Cities" im Hamburger Bahnhof : Auf ins Wolkenkuckucksheim

Klettern erlaubt: „Cloud Cities“, eine luftige Installation von Tomás Saraceno im Hamburger Bahnhof

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Biosphärisch. Der Besucher kann sich in der Installation des argentinischen Künstlers in die Höhe tragen lassen. Foto: dapd
Biosphärisch. Der Besucher kann sich in der Installation des argentinischen Künstlers in die Höhe tragen lassen. Foto: dapdFoto: dpa

Die meisten schauen lieber nicht hin. Gleiten mit dem Rücken auf die transparente Oberfläche und drehen sich erst um, wenn sie in vier, fünf Metern Höhe auf einer Plastikblase schweben und sich darauf verlassen müssen, dass Tomás Saraceno schon das Richtige tut.

Der Mann ist ein Träumer. Seine Installation im Hamburger Bahnhof besteht aus wenig mehr als heißer Luft, die zwei große Gebilde derart stabilisiert, dass sie begehbar werden. Die übrigen Ballons, in denen Pflanzen wohnen oder farbige Flächen die Assoziation einer schillernden Seifenblase wecken, sind in schwarzen Netzen verspannt. Dazwischen bewegen sich die Besucher der Ausstellung „Cloud Cities“ wie Statisten. Stehen geduldig, um ein paar Minuten Schwerelosigkeit erleben zu können. Oder betreten die große Kugel am Hallenende auf Strümpfen, lassen sich in die Plastikplane sinken und nicken dank des warmen Gebläses kurz weg. Leben wie in Mamas Bauch: Die Arbeit des argentinischen Künstlers ermöglicht die ungewohnte Erfahrung, sich in aufgespannten Membranen aufzuhalten. An einem schwerelosen Ort, der weder scharfe Kanten noch rechte Winkel kennt.

„Cloud Cities“ hat einiges von einem Abenteuerspielplatz. Wer Saracenos Kunst auf die begehbaren Objekte reduziert, übersieht jedoch dessen Interesse an den futuristischen Modellen seiner Vorgänger aus den Sphären von Architektur und Kunst. Und er ignoriert die Sympathie desKünstlers für Spinnen und ihre Netze, die bei aller Haltbarkeit komplexe, ästhetische Gebilde sind. Nicht zu vergessen ihre Gefährlichkeit: Mit den krabbelnden Besuchern kann man auch die Beute assoziieren, wegen derer sich die Spinne die Mühe überhaupt erst macht.

Mit seiner Installation führt der 1973 geborene Argentinier das eigene Werk konsequent fort, das 2009 in kleineren Formaten auf der Biennale in Venedig und in der Berliner Ausstellung „Megastructures Reloaded“ zu sehen war. Die erste große Soloschau in Deutschland knüpft nun noch deutlicher an die architektonischen Utopien der 60er Jahre an. Die „Geodesic Domes“ von Buckminster Fuller sind ebenso Referenz wie die luftigen biomorphen Architekturen eines Frei Otto oder die Wohnkapseln der britischen Gruppe Archigram um Peter Cook: Angeregt von den Errungenschaften der Raumfahrt, sollten sie als mobile Einheiten überall andocken können. Fullers Vision einer schwebenden Stadt, der „Cloud Nine“, vernetzte darüber hinaus das damalige Wissen aus Technik und Design. Der Visionär verstand sie auch als frühe Antwort auf das stete Wachstum der Bevölkerung und erste Ahnungen vom Klimawandel.

Saraceno hält solche Wolkenstädte für eine realisierbare Utopie. Nicht in naher Zukunft, aber als ferneres Koprodukt aus Kunst und Wissenschaft mit ihren immer neuen Erkenntnissen. Wie eine solche Struktur aussehen könnte, das weiß er nicht. Ohnehin wirken die Zutaten seiner „Cloud Cities“ eher retro und mehr der vom Fortschritt besessenen Vergangenheit entsprungen. Wie es wäre, nicht länger fest mit der Erde verbunden zu sein – das allerdings vermag Tomás Saraceno nicht bloß anschaulich zu erzählen. Er vermittelt auch ein echtes Gefühl davon.

Dass er mit seinen Überlegungen nicht allein steht, zeigt die parallele Ausstellung „Architektonika“ in den Rieckhallen. Sie versammelt Arbeiten von Dieter Roth über Thomas Schütte bis zu Bruce Nauman oder James Turrell. Eine eindrucksvolle Übersicht: Filmische, skulpturale und malerische Beiträge machen deutlich, dass auch Künstler seit den Sechzigern die Eigenschaften von Räumen immer wieder reflektieren.

Direkten Bezug zum Wohngebäude nimmt die fotografische Dokumentation der „cuttings“ von Gordon Matta-Clark, jenen Einschnitten in Decken und Wänden, die der Konzeptkünstler 1974 mit einer Motorsäge vornahm, um die Begrenztheit eines Einfamilienhauses aufzuheben. Den Schlusspunkt am Ende der Halle, auf deren Parcours man den kleinen, lichten Raummodellen von Jürgen Albrecht ebenso begegnet wie abstrakten Hochhäusern von Isa Genzken, markiert Naumans „Room with my soul left out, room that does not care“ von 1984. Ein trostloses Verlies unter der Erde als denkbar scharfer Kontrast zu Saracenos aufgeblasenen Himmelskörpern. Christiane Meixner

Hamburger Bahnhof, „Cloud Cities“ bis 15. Januar, „Architektonika“ bis 12. Februar

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