Tomás Saracenos Spinneninstallationen : Die Kunst-Spinner

Fleißige Achtbeiner haben Tomás Saraceno bei seinem Beitrag zur Ausstellung "Vanitas" im Georg-Kolbe-Museum geholfen. Zu Besuch in seinem Lichtenberger Studio.

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Fein, aber fest wie Stahl. Tomás Saracenos „Work in progress – captured on 15-05-14: Live performance by semi social Cyrtophora citricola, weaving on the Omega Centauri web of solitary Nephila kenianensis“.
Fein, aber fest wie Stahl. Tomás Saracenos „Work in progress – captured on 15-05-14: Live performance by semi social Cyrtophora...Foto: Studio Tomás Saraceno

Wie viele Mitarbeiter das Studio des Künstlers Tomás Saraceno hat, ist Anschauungssache. Etwa ein Dutzend beugt sich im ersten Stock des ehemaligen Agfa- Fabrikgebäudes in Lichtenberg über kleine Modelle oder schaut auf Computermonitore. Licht flutet durch die großen Fenster der Halle. Im Erdgeschoss – dort ist es dunkel und eng – sind noch einmal 200 bis 300 Mitarbeiter beschäftigt. Sie haben acht Beine, sind flink und fleißig. Sie heißen Cyrtophora citricola oder Nephila kenianensis. Und sie sind Spinnen.

Über Nacht bauen sie wunderschöne, komplexe Netze. Kuppelbauten, die sich Architekten in ihrer geschwungenen Kühnheit kaum zu erdenken wagen, freischwebende Statiken, die mit so wenigen Seidenfäden gesponnen wurden wie möglich. Es sind Kunstwerke der Natur. Und auch die von Saraceno. Der 1973 geborene Argentinier stellt diese Netze aus. Derzeit etwa in der Schau „Vanitas. Ewig ist eh nichts“ im Georg-Kolbe-Museum.

Herr der Spinnen

Die Mitarbeiter des Ausstellungshauses haben genaue Instruktionen bekommen, wie sie mit den temporären Gästen umzugehen haben. Denn die Spinnen bauen während der gesamten Dauer der Schau weiter. Der Kasten ist schwarz ausgekleidet, ein Lichtstrahl ist auf das Netz gerichtet, sonst könnte man die filigranen Fäden mit bloßem Auge kaum erkennen. Die Natur wird das Werk verändern. Aber nicht nur. Saraceno, der schon seit einigen Jahren fasziniert von den tierischen Baumeistern ist, dreht den Kubus von Zeit zu Zeit, so dass sich die Tiere neu orientieren müssen. Oder der Künstler nimmt die Spinne heraus und ist so Herr darüber, wann ein Werk vollendet ist. So etwa im Falle eines besonders schönen, dichten Gespinstes, das sich in einer Regalecke mitten im Lagerraum seines Atelierhauses ausgebreitet hatte. Die Spinne war ausgebüxst und Saraceno ließ sie gewähren. „Na, das ist doch wirklich extrem schön“, findet der Künstler.

Wie oft wischen wir gedankenlos Perfektion mit dem Besen weg, beseitigen Spinnweben aus Zimmerecken? Dass den filigranen Netzen normalerweise kein langes Leben beschieden ist, prädestiniert Saracenos Installationen geradezu für die Vanitas-Ausstellung, in der sie neben Arbeiten weiterer namhafter Bildhauer wie Dieter Roth, Thomas Schütte, Alicja Kwade oder Mona Hatoum zu sehen sind. Sie alle thematisieren das seit der Barockkunst präsente Motiv der Vergänglichkeit – des Memento mori: Bedenke, dass du sterblich bist. Dabei seien die Seidenfäden reißfest wie Stahl, sagt Saraceno. Er arbeitet unter anderem mit Arachnologen, Spinnenforschern, vom Forschungsinstitut Senckenberg zusammen. Mit den Wissenschaftlern hat er eine Methode entwickelt, die die Spinnennetze Schicht für Schicht scannt und in 3-D-Modelle umsetzt.

Das Netz als Sinnbild für das psychosoziale Miteinander

Tomás Saraceno.
Tomás Saraceno.Foto: Shota Matsumoto

Denn der in Berlin lebende Künstler ist nicht nur ein neugieriger Beobachter. Er überträgt die Erkenntnisse in seine Kunst – zwischen Utopie und Bio-Engineering, zwischen emotionaler Überwältigung und wissenschaftlicher Belegbarkeit, physisch erfahrbar für den Besucher. So wie es zurzeit in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zu erleben ist: Unter der Glaskuppel des Ständehauses hat Saraceno in 25 Metern Höhe die drei Tonnen schwere, begehbare Stahlnetz-Installation „In orbit“ montieren lassen. Wer es wagt, die schwindelerregende, schwingende Konstruktion zu begehen, hat das Gefühl, tatsächlich zu schweben. Und spürt, ähnlich wie in einem Spinnennetz, die Vibrationen der Mitmenschen. So ist für Tomás Saraceno das Netz immer auch ein Sinnbild für das psychosoziale Miteinander. In seinen Spinnenkästen lässt er Arten, die im Verbund bauen, auf Einzelgänger treffen und wartet, wie sie sich arrangieren, als sei es ein wissenschaftliches Experiment über Städtebau.

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