Kultur : Ton, Schreie, Scherben

Carsten Niemann

Vor dem Auftaktkonzert des 4. Berliner Ultraschall-Festivals für neue Musik wird gewarnt: Zettel vor den Sophiensaelen weisen darauf hin, dass "erhebliche Lautstärken" erreicht würden. Das junge Publikum kümmert es nicht: Vielleicht sind die unaufdringlich trendig gekleideten Leute gar aus der Clubszene Berlins harten akustischen Tobak gewöhnt. Nur ein Hinweis schreckt das Ultraschall-Publikum ab: "Ausverkauft". DeutschlandRadio und SFB ist ein nachgefragtes Avantgardefest gelungen.

Letzte Fluchtinstinkte werden beim Eröffnungskonzert durch einen Schluck aus der Bierflasche betäubt, wenn Dror Feiler und seine fünf Mitstreiter mit "The Return of the Real" beginnen. Assoziationen sprießen: Das Hintergrundrauschen eines grotesken Radios scheint ins Donnern eines Hochofens überzugehen, dann wähnt man sich jäh im Inneren eines Schiffs, in das aus großer Höhe Steinkohle eingefüllt wird - ein seltsam körperloses Erlebnis, wie man es in der Natur weder er- noch überlebt. Feilers Saxophon stemmt sich gegen die Klangmassen, bis er zum Vorschlaghammer greift. Malerisch wirbelt Staub auf, als er damit auf eine Metallplatte drischt. Der barbarische Impuls ist stärker als der akustische Output: lächerlich gegenüber der elektronischen Klanggewalt. Die aber lässt Brustkörbe und Beine vibrieren bei diesem elektroindustriellen Jazz. Eine wüste Polemik gegen den Hochglanzssound; fraglich nur, ob man die polierten Erzeugnisse eines Sinfonieorchesters danach nicht mehr würde hören wollen oder können.

Doch dann sorgt Werner Dafeldecker mit Kontrabass und Elektronik fürs Chill-out. Im Halbdunkel beugt er sich über sein Instrument und entlockt ihm einen versponnenen musikalischen Essay über das Verhältnis von mechanischen Schabegeräuschen und elektronischen Knusperlauten. Über einen Computer steuert er dabei die Videoprojektionen von Billy Roisz, vermutlich mittels Algorithmen von hohem ästhetischen Reiz. Doch immer wieder wandern die Blicke von der nüchternen Firmenpräsentationsleinwand dorthin, wo die Musik spielt.

Viel Stoff, um in der Pause über das Verhältnis von Installation, Improvisation und Komposition zu sinnieren. Und vom Raum zu schwärmen: "Le plafond! Voilà le plafond" ruft eine junge Französin und macht ihren Freund auf den real blätternden Putz an der Decke aufmerksam. Man stromert über die Bühne, beäugt die mit kryptischen Einzeichnungen versehenen Notenblätter und lässt sich schließlich im verrauchten Foyer in ein speckiges Sofa fallen - für einen Moment glücklich im Gefühl, Bohemien unter Bohemiens zu sein.

In der "Langen Nacht des Klaviers" wird das Subjekt wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Sie findet im kleinen Sendesaal des SFB statt und der ermuntert nicht zur Träumerei. Doch auch die herbste Veranstaltung des zehntägigen Festivals beginnt rappelvoll. Ist es die Popularität des Instruments? Oder reizt die Vergleichbarkeit in der simplen Konstellation: "Ein Komponist - ein Klavier - eine Lösung"? Wie auch immer: Das insgesamt etwas graumeliertere Publikum lauscht aufmerksam und peinlich darauf bedacht, nicht durch Stuhlknarzen ungewollt Teil der nocturnen Uraufführungen zu werden. Sternstunden sind die allerdings kaum. Eher enttäuschend die Werke der Newcomer Karin Haußmann und Charlotte Seither: Routineberichte der Bundesanstalt für musikalische Materialprüfung, die von der Klangfantasie von Olga Neuwirths Incendio/Fluido in den Schatten gestellt werden. Harald Muenz lässt die Interpretin mit einer CD interagieren und mit koreanischen Anlauten spielen. Doch den Hörern werden die Spielregeln nicht erklärt.

Noch seltener als fassliche Erklärungen (um die sich das Programmbuch sonst bemüht) ist die Schwärmerei in der Szene. Salome Kammer, die am Montag "Liedkunst im 21. Jahrhundert" präsentiert, wagt sie trotzdem. Sie erzählt vom Nachtmenschen Helmut Oehring und liest das Dante-Gedicht auf Deutsch vor, bevor sie seine Vertonung des Originals singt: Ein hinreißender innerer Dialog eines ordinären lyrischen Ich mit der entrückenden Schönheit der Poesie, der sich des Applauses der Szeneunkundigen nicht zu schämen braucht.

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