Kultur : Ton, Schweine, Scherben

Luk Perceval zerlegt Racines „Andromache“ an der Berliner Schaubühne – mit Jutta Lampe in der Titelrolle

Rüdiger Schaper

Ein irres Bühnenbild – wenn auch mehr Bild als Bühne. Aufragender Altar, Grabstätte. Oben drauf, auf schmalem Grat, fünf Schauspieler, gefangen. Zu Füßen des Katafalks ein Meer von Flaschen und Scherben.

Ein irrer Beginn – und fast ist schon alles gesagt. Man hört, während sich der Rundvorhang mit magischer Langsamkeit öffnet, das unheilvolle Geräusch von klapperndem, klirrendem Glas.

Luk Percevals „Andromache“-Inszenierung an der Berliner Schaubühne ist im Grunde eine Installation: die Toteninsel. Das macht sich an vier Punkten unumstößlich fest. Erstens: Der neue flämische Hausregisseur hat die Schauspieler mit Mikroports ausgerüstet, das Theater wird zum Hörbild. Zweitens: Die Aufführung dauert ganze sechzig Minuten, in denen sich nichts entwickelt, es ist alles bereits im Endstadium. Drittens: Der ingeniöse Bühnen-Bau von Annette Kurz stellt die Akteure – besser: die Sprecher – gleichsam auf Messers Schneide, es gibt kein Entkommen, und es könnte, wenn es plötzlich zu Ende ist, wieder von vorn beginnen, ad infinitum. Und schließlich der Text: Aus Jean Racines spätbarocker Tragödie haben Luk Perceval und seine Bruder Peter Perceval einen Extrakt destilliert, der die alte, im trojanischen Nachkrieg angesiedelte Geschichte von Liebe, Rache, Eifersucht, Wahnsinn und Mord zum Stenogramm verknappt. Eine Versuchsanordnung, technisch blitzsauber. Im Erstarren begriffen. Steril.

Was wäre das Theater ohne Troja und die Griechen, ohne Homer? Ein friedliches, langweiliges Paradies. In einem Namen, einem Frauennamen wie Andromache steckt schon das Drama: Mann und Kampf, dem weiblichen Körper eingeschrieben. „Andromache“ bringt Jutta Lampe an die Schaubühne zurück. Allein schon die Präsenz dieser Schauspielerin, die hier in den homerischen Berliner Zeiten, als der Mythos Schaubühne geboren wurde, so viele Triumphe feierte, bewirkt einen Klimawechsel.

Aber es ist dann auch, in einer so kurzen Vorstellung, wirklich nur ihr schieres Dasein – hingegossen als Leidensfigur in einem Kleid (Kostüme: Ilse Vandenbussche), das über ihre Füße weit hinausragt. So gewandet, könnte sie sich schwerlich erheben. Und das tut sie auch nicht. Jutta Lampe sitzt und schaut in sich hinein, spricht einige wenige Sätze, so still und majestätisch, dass einem das Blut gefriert. Sie ist, ein wenig nach rechts gerückt, der Mittelpunkt einer sprechenden Schauspielerskulptur. Keine Laokoon-, sondern eine Lampe-Gruppe.

Links außen steht Ronald Kukulies (ein etwas unbedarfter Orest), rechts außen sein Begleiter Pylades (André Szymanski, etwas verloren und unentschlossen, wie alle Pyladesse der Theaterliteratur). Mittendrin Mark Waschke als König Pyrrhus, der zwischen Hermione (Yvon Jansen) und Andromache schwankt. Die festen Positionen müssen gehalten werden, schon weil sonst der Absturz in den Scherbenhaufen droht. Bewegungen, Verschränkungen, Gezerre ist möglich, wenn auch nur in den engen Grenzen des schmalen Präsentiertellers, auf dem sie balancieren.

Orest liebt Hermione, die Pyrrhus begehrt, der Andromache liebt – und sie, die trojanische Gefangene, will die Ehre ihres getöteten Gatten Hektor nicht beflecken und ihren kleinen Sohn retten, den die Griechen zu ermorden trachten, um den trojanischen Sack endgültig zuzumachen. Die komplizierte Gemengelage wird nicht dadurch einfacher, dass Luk Perceval Dialoge über Kreuz sprechen lässt. Wer fragt, wer antwortet, wer will was von wem? Man hat ein fünfköpfiges Automaten-Untier vor sich, das Selbstgespräche führt und sich selbst verschlingt.

Andromache? Es könnte denn auch „Phädra“ sein, zum Beispiel. Man erinnert sich an Patrice Chéreaus neoklassische, überwältigend körperintensive Inszenierung aus der rhetorischen Nobilität Racines heraus. Perceval arbeitet heftig dagegen, setzt ordinäre Kontrapunkte, wenn die quecksilbrige Hermione meint: „Du drehst die Liebe um und fickst sie in den Arsch“, wenn von „Schlampe“ und „Hosenscheißen“ die Rede ist – im immer gleichen Flüsterton des aufdringlichen Mikroportsounds. Da wird eine Stunde lang.

Sie sind wie verschweißt miteinander. So hat Luk Perceval schon in „Aars!“, seiner aufreizenden „Orestie“-Kurzversion, die inzestuöse Familie zusammengebunden und im Wasser versenkt. „Andromache“ aber sitzt auf dem Trockenen, emotional, physisch und bald auch visuell. Die menschliche Skulptur verflacht zusehends zum Relief, zum Vasenbild. Und zerbricht. Ein radikales Konzept – und weiter? Leer im Kopf schleicht man aus diesem Museumstheater, das schlauer sein will als der Mythos.

Wieder vom 5. bis 7. Dezember

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