Kultur : Ton, Steine, Farben

Zum Tod des Berliner Klangkünstlers Rolf Julius, einem Pionier synästhetischer Erfahrungen

Foto: Jens Schumann
Foto: Jens Schumann

Die Töne kommen vom Boden, es klingt nach tropfendem Wasser. In den Membranen der kleinen Lautsprecher ohne Gehäuse tanzen Pigmente in kräftigen Farben. Rolf Julius brauchte wenig, um seine Kunst in den Raum auszudehnen. Dennoch ergreifen die Arbeiten Besitz von allen Sinnen: Man spitzt die Ohren, berauscht sich an der Leuchtkraft der staubigen Farbkörper und konzentriert sich zugleich auf die wenigen Elemente, die in Galerien oder Museen im sonst leeren Raum arrangiert werden.

In Berlin hat Julius, einer der prominentesten Klangkünstler seiner Generation, dies zuletzt im institutionellen Rahmen mit „Musik weit entfernt“ getan. Im Rahmen des Hannah-Höch-Preises, der ihm 2005 für sein Lebenswerk verliehen wurde und sich mit einer Ausstellung in der Berlinischen Galerie verband. Einen anderen festen Ort bot ihm Anselm Dreher, der den 1939 Geborenen seit zwei Jahrzehnten in seiner Galerie vertritt. 2009 war hier das gesamte Atelier des Künstlers zu sehen. Ein P.S.1-Stipendium brachte Julius in den achtziger Jahren nach New York, 1991 führte ihn ein Fellowship der Japan Foundation nach Kyoto. Beide Kulturen verbanden sich in seinem eindrucksvollen Werk, das gleichermaßen von der experimentellen Musik eines John Cage wie der fernöstlichen Ästhetik des Reduzierens erzählt.

Der Künstler als Sammler und Komponist. Als Produzent synästhetischer Erfahrungen, die sich nicht länger auf visuelle Eindrücke beschränken und dennoch miteinander verschmelzen, weil auch der Klang nach Julius’ Empfinden eine Oberfläche besitzt und manchmal „rot oder grau, rau oder glatt“ erschien. Der Künstler hob Pflastersteine auf, verzerrte Klänge aus der Natur mit einfachsten Mitteln und veranstaltete 1980 ein „Konzert für einen Baum“.

Zu den frühen Live- Performances gesellten sich Installationen mit kargen und dennoch sinnlichen Sounds, denen Julius den Titel „small music“ gab. Später kamen Flachbildschirme hinzu, darauf digitale Bilder von glitzernden Seen oder früheren Arbeiten, allerdings ohne Ton. Rolf Julius klopfte die Gegenstände nicht auf ihre Möglichkeiten ab. Stattdessen filterte er die für ihn elementaren Qualitäten heraus und setzte sie ein. Vergangenen Freitag ist der Künstler wenige Tage vor seinem 72. Geburtstag in Berlin gestorben. cmx

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