Kultur : Ton-Tohuwabohu

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Seit 34 Jahren spielt das amerikanische Guarneri-Quartett in derselben Besetzung: Arnold Steinhardt, John Dalley, Michael Tree und David Soyer gelten als Garanten zuverlässiger Interpretationen, international prämiert, in Jahrzehnten bewährt.Ihre letzten beiden Konzerte bei den Berliner Festwochen kamen jedoch einer Demontage ihres Rufes gleich.Es begann mit einer Enttäuschung: Statt György Kurtágs "Mikroludien" stand plötzlich Mozart auf dem Programm - die Musiker hatten sich kurzfristig geweigert, Kurtágs Aphorismen zu spielen, um um derentwillen viele Musikfreunde gerade den Weg in den Kammermusiksaal gefunden hatten.So war auch das letzte zeitgenössische Feigenblatt aus dem Festwochen-Streichquartettzyklus gefallen.Statt dessen hörte man Haydn und Mozart in einer Interpretation, die an Konventionalität kaum zu überbieten war.Routine schlug in Lässigkeit und Schlamperei um - an diesem Eindruck vermochte die eher ambitionierte Darbietung des Streichquartetts von Alban Berg nichts grundlegend zu ändern.

Noch deutlicher wurde dies am zweiten Abend.Gerade mit seinen Beethoven-Deutungen hat sich das Guarneri-Quartett einst seinen Ruf erspielt; mit einer Präsentation wie der des späten B-Dur-Quartetts Opus 130 setzt es ihn nun aufs Spiel.Bereits die unmotivierten rhythmischen Stauchungen im einleitenden Adagio irritierten, bei den folgenden häufigen Tempowechseln wurden Takt und Metrum nicht immer deutlich.Das Presto des zweiten Satzes schlugen die vier Herren zwar in atemberaubender Geschwindigkeit an, doch wo blieb die Klangsensibilität? Hier wie auch in den folgenden Sätzen wurde der Mangel an dynamischer, artikulatorischer Differenzierung immer deutlicher.Das Allegro assai des "Alla danza tedesca" verkam zu Behäbigkeit.Die "Große Fuge" schließlich, die das Guarneri-Quartett statt des nachkomponierten Finales spielte, wurde zum brachialen Tohuwabohu, in dem die Musiker, vielleicht erschöpfungsbedingt, mit immensen Intonationsproblemen zu kämpfen hatten.Der freundliche Applaus galt wohl eher dem Mythos des Guarneri-Quartetts als seiner wirklichen Leistung.

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