Tondokumente : Roma-Musik auf der Ausgrabung

Max von Oppenheim lud sich Musiker zur Unterhaltung ein und zeichnete ihre Musik mit einem Phonographen auf, hier einige historische Tondokumente zum Anhören für Sie digitalisiert.

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Die Band.
Nahawand scharqisi, mit Tanbure, von Artin ibn Karabet und Arslan ‑ Maultierreiter. Tonaufnahme: Ethnologisches Museum, SMB, ...

Max von Oppenheim wird heute als der Entdecker von Tell Halaf gefeiert, ein Privatgelehrter, der sich auf dem Gebiet der Archäologie große Verdienste erworben hat. Aber Oppenheims Interessen beschränkten sich nicht auf die in der Erde versteckten Kulturgüter. Er war umfassend an der Kultur des Nahen Ostens interessiert. Schon in Kairo hatte er Arabisch gelernt und weite Reisen durch das damalige Osmanische Reich unternommen, er hat die Beduinenstämme besucht, sich mit ihnen unterhalten und ihre Geschichte und Geschichten aufgezeichnet. Dass er als Europäer im Zeitalter des Kolonialismus die Menschen im Nahen Osten ernst nahm, ihre Sprache lernte, hatte ihm viele Tore geöffnet und Sympathien entgegengebracht.

Zu dem Expeditionsgepäck für die Grabung auf dem Tell Halaf gehörte auch ein Phonograph mit Wachswalzen, mit dem er Tonaufnahmen machen konnte. Der interdisziplinäre Ansatz machte Oppenheim geradezu zu einem modernen Wissenschaftler, der seine Zeit voraus war, denn er sammelte auch Pflanzen und Handschriften.

In einem Brief an den Leiter des Berliner Phonogramm-Archivs im Januar 1911 vor seiner Expedition von 1911-1913 schreibt Oppenheim: „Ich habe die Absicht auf meinen auf mehrere Jahre berechneten Expeditionen nach Mesopotamien usw. … einen Phonographen mitzunehmen, um Lieder, Gedichte etc. von Beduinen und anderen Eingeborenen sowie evtl. auch die von ihnen vorgetragenen Musikstücke auf den bekannten primitiven Instrumenten aufzunehmen.“  Oppenheim wollte auch wissen, ob die Wachswalzen auch in heißem Klima zu verwenden seien. Bereits 1900 hatte der Psychologe Carl Stumpf die ersten Tonaufnahmen mit einer thailändischen Theatertruppe im Berliner Zoo gemacht. 1905 ging das Archiv an das Psychologische Institut der Friedrich-Wilhelm-Universität, das dann von Erich Moritz von Hornbostel bis 1933 geleitet wurde.

1934 ging das Archiv dann an das Museum für Völkerkunde, wurde 1944 ausgelagert, gelangte nach Leningrad, kehrte nach Ost-Berlin zurück und befindet sich seit 1991 wieder im Besitz des heutigen Ethnologischen Museums. Dieser weltweit einzigartigen Sammlung verdanken wir Einblicke in die Musik des Nahen Ostens, die uns Max von Oppenheim vor 100 Jahre überliefert hat. Das Berliner Phonogramm-Archiv war deshalb international so gefragt, weil sie die Wachswalzen galvanisiert und somit haltbar gemacht hatten, von den Kupferwalzen ließen sich dann Wachskopien herstellen.

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Die Band.
Atabe al el Wesir, arabische Melodie auf der Rababe mit Hymnus aus dem Stegreif auf Freiherr von Oppenheim vorgetragen und...

Wie Susanne Ziegler in einem Artikel mit Ulrich Wegner schreibt, sind die Wachswalzen nicht direkt nach der Expedition in die Sammlung gelangt, sondern zu einem späteren Zeitpunkt. In einem Brief dankt Hornbostel 1930 dem Forscher für seine Tonaufnahmen: „… die Spende ist um so willkommener als wir aus diesem Teil des arabischen Kulturgebietes noch keine Aufnahmen besaßen und Ihre Aufnahmen ebenso technisch gelungen wie von hohem wissenschaftlichen Interesse sind.“ Diese Antwort dürfte Max von Oppenheim sehr gefallen haben, denn er litt darunter, dass er als Privatmann nicht immer von den Wissenschaftlern die entsprechende Würdigung erfuhr.

Der Aufnahmeort war „Ras el Ain, unweit Nisbin, dem heutigen Endpunkt der Bagdadbahn.“ Bei Ras el Ain liegt auch die Grabung von Tell Halaf. Die Grabung in der Dschezzira ist ein anstrengendes Unternehmen, es ist heiß  und es gibt wenig Abwechslung in dieser kargen Landschaft. So bestellte sich Oppenheim Musik auf die Grabung zur Unterhaltung, heute würde man sagen, er engagierte eine Band, um seinen Mitarbeitern ein wenig Abwechslung zu bieten. Ein Foto zeigt den Besuch einer solchen Gruppe 1913 auf dem Tell Halaf: „Die Truppe bestand aus einem alten Mann namens Mohammed el Faris, einem Sohne und einem Enkel von ihm. Sie waren mit einem kleinen Zelte hierher gekommen. Seine Frau ist dabei. … Einer der beiden älteren war ein vortrefflicher Rababespieler. Ein anderer hatte eine größere Trommel. Der kleine Junge von etwa 10 Jahren tanzte und machte kleine Akrobatenkunststücke“, notierte Oppenheim am 21. März 1913. Die Autoren weisen darauf hin, dass es sich hier nicht um Beduinen - sondern um Romamusik handelt, denn die Roma zogen auch in jener Zeit als Musikanten durch den Vorderen Orient. Zwei dieser faszinierenden Tondokumente sind hier als Hörproben beigefügt, weitere Aufnahmen sind in der Ausstellung zu hören.

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Am 3.März 2011 um 19 Uhr gibt es im Pergamonmuseum den Vortrag:  Historische Tonaufnahmen vom Tell Halaf: Vorderorientalische Musik auf Edisonwalzen
Referenten:
Dr. Susanne Ziegler, Abteilung Musikethnologie, Medientechnik, Berliner Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums Berlin
Dr. Ulrich Wegner, Institut für Musik und Musikwissenschaft an der Universität Hildesheim

 

Informationen zu den Hörproben:

- Atabe al el Wesir, arabische Melodie auf der Rababe mit

Hymnus aus dem Stegreif auf Freiherr von Oppenheim

vorgetragen und gedichtet von Said ibn Muhammed.

- Nahawand scharqisi, mit Tanbure, von Artin ibn Karabet und

Arslan ‑ Maultierreiter.

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