Kultur : Toni Morrison: Die schwarze Aufklärerin

Michael Adrian

Fünf Frauen sind in einem entlegenen Kloster gestrandet. Vier von ihnen sind schwarz. Welche der Frauen, auf die die männlichen Bewohner der nahegelegenen Schwarzensiedlung Ruby ihre Ängste und ihren Hass projizieren werden, die Weiße ist, darüber schweigt sich Toni Morrisons jüngster Roman "Paradies" bis zuletzt kunstvoll aus. Die bedeutendste schwarze Schriftstellerin unserer Zeit schreibt über die Hautfarbe, indem sie ihre Leser zwingt, sie aus der Wahrnehmung ihrer Figuren auszublenden. Toni Morrison, die heute vor siebzig Jahren als Chloe Anthony Wofford in Lorain / Ohio geboren wurde, hat eine amerikanische Bilderbuchkarriere gemacht. Das Arbeiterkind wurde Verlagslektorin, schließlich Professorin an der Princeton Universität, und heute werden die Bücher der Autorin, die 1993 den Nobelpreis für Literatur erhielt, weltweit zu Bestsellern. Als amerikanische Nationalschriftstellerin versteht sich Morrison dabei aber so wenig wie als Stimme einer black community. In bislang sieben Romanen hat sie die komplizierte Leidensgeschichte der schwarzen Bevölkerung Amerikas erzählend geschaffen. Morrison schreibt als humanistische Aufklärerin reinsten Wassers, als Grenzüberschreiterin. Ihre drei gewichtigsten Romane spannen einen Bogen vom Ende des Bürgerkrieges in "Menschenkind" (deutsch 1989) über das schwarze Gemeinschaftsgefühl der Harlem Renaissance ("Jazz", dt. 1993) bis zum Niedergang der Bürgerrechtsbewegung in den siebziger Jahren in "Paradies" (dt. 1999). Mit kunstvollen literarischen Mitteln beschwört diese historische Trilogie die Erinnerung an eine lange, leidvolle Geschichte, an der nicht zu zerbrechen die schwierigste (und keinesfalls immer lösbare) Lebensaufgabe für ihre Romanfiguren ist. Dieser allgemeinmenschliche Balanceakt zwischen Erinnern und Vergessen ist wohl eine Dimension von Morrisons Büchern, die so viele und so unterschiedliche Leser fasziniert, schwarze wie weiße, Männer wie Frauen.

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