Kultur : Tony Blairs Traum wurde zum Alptraum - Rundgang durch den Londoner Millennium Dome

Jörg von Uthmann

Katerstimmung an der Themse: Der Millennium Dome wurde der größte Reinfall der Jahrtausendwende. Die Augen der Welt, hatte Blair versprochen, würden auf Greenwich, "die Heimat der Zeit", gerichtet sein. Doch die amerikanischen Nachrichtenmagazine "Time" und "Newsweek" schmückten ihre Neujahrausgaben nicht mit dem gepfählten Grauwal auf dem Nullmeridian, sondern mit dem flimmernden Eiffelturm. Das Tohuwabohu bei der Eröffnung in der Silvesternacht ist auf dem besten Wege, in die britische Folklore einzugehen. Die 3000 in der Weihnachtspost stecken gebliebenen Einladungen, das Warten vor dem einzigen funktionierenden Metalldetektor, das bedrohliche Gerangel um ein Plastikglas mit Champagner - all das wird von der Presse genüsslich ausgemalt. Es war nur ein schwacher Trost, dass auch im Stadtzentrum das meiste schiefging: Das angekündigte "Feuerstrom" entlang der Themse weigerte sich zu strömen. Und das "Londoner Auge" gegenüber dem Parlament, das größte Riesenrad der Welt stand wegen eines Sicherheitsdefekts still. Man hofft, den Defekt bis Anfang Februar zu beheben.

Am ersten Freitag nach der Eröffnung konnte dagegen von Gedränge bereits keine Rede mehr sein. In einigen Teilen des weitläufigen Geländes waren die gelb gewandeten Hostessen gegenüber dem Publikum sogar in der Überzahl. Die meisten Andenkenläden, in denen jeder Besucher, wie die Veranstalter hoffen, zusätzlich zum Eintrittspreis von 20 Pfund (60 Mark) mindestens vier Pfund zurücklassen soll, waren gähnend leer. Selbst in die größte Attraktion, die vielberedete "Körperzone", kam man ohne Warten hinein. Nur die drei morphing machines in der "Verstandeszone" waren ständig umlagert: Wer kann schon der Verheißung widerstehen, sein Alter, seine Hautfarbe oder sein Geschlecht zu ändern - und sei es nur auf dem Bildschirm?

Body zone und mind zone sind zwei von insgesamt 14 Zonen, die die Arena wie ein Ring umlagern und die - um noch einmal Tony Blair zu zitieren - "Großbritannien als ein Land zeigen, das seiner Zukunft mit Zuversicht entgegensieht". In der body zone durchschreitet man, begleitet vom Wummern eines Riesenherzen, einen menschlichen Brustkasten. In der mind zone kann man mit einem Nervennetz in Form eines Seesterns kommunizieren. In der "Geldzone" heißt es, innerhalb von 60 Sekunden eine Million Pfund ausgeben - um dann im benachbarten Treibhaus belehrt zu werden, dass exzessive Ausgaben die Wirtschaft überhitzen.

Pädagogik und Unterhaltung, spielend lernen - so stellen sich die Veranstalter wohl den Zweck des Unternehmens vor. Dagegen wäre nichts einzuwenden, hätte man das alles nicht schon woanders gesehen - auf Jahrmärkten und Industriemessen, in Naturkunde- und Rindermuseen. Nur zwei Zonen fallen aus dem Rahmen: "Selbstporträt" ist eine teils witzige, teils rührende Collage aus britischen Gebäuden, Landschaften, Ikonen und den Schnappschüssen von 10 000 Landeskinder, von denen jedes sagen durfte, was ihm an Großbritannien am besten gefällt. Die "Glaubenszone" wiederum ist ein politisch korrektes, aber theologisch vages Konglomerat aus neun Weltreligionen mit einem in blaues licht getauchten Meditationszentrum und einem Schreibraum, in dem wir unsere frommen Gedanken zu Papier bringen können. Sie werden aufgehoben und in fünfzig Jahren veröffentlicht. Wie man hört, hat Prinz Charles den Verzicht auf eine christliche Botschaft im "Dom" missfällig zur Kenntnis genommen.

Die 14 Zonen wurden von verschiedenen Designern entworfen. Manche sind fantasievoll, die meisten banal. Ein einheitliches Konzept für die Ausgestaltung des gewaltigen Innenraums hat offenbar gefehlt. Ein einziges Leitmotiv durchzieht die vielstimmige Komposition: Es sind die durchdringenden Ausdünstungen der Fast-Food-Restaurants, die den Dom bis in den letzten Winkel füllen. Bei einem Provisorium, das in einem Jahr verkauft und leergeräumt werden soll, wäre das alles vielleicht nicht so wichtig. Aber wenn die Besucherzahlen nicht steigen, wird man die Schau möglicherweise verlängern müssen. Die Veranstalter kalkulierten mit 35 000 Besuchern pro Tag. Doch bisher waren es nicht einmal halb so viel. Die Umfragen sind nicht ermutigend.

Nach einer Erhebung der "Sunday Times" sind zwar 85 Prozent der Besucher zufrieden, doch sehen 53 Prozent im Millennium Dome keinen besonderen Beitrag zum 21. Jahrhundert, und 57 Prozent finden gar, es sei seinen Preis - 758 Millionen Pfund (fast 2,3 Milliarden Mark), davon 600 Millionen aus Mitteln der Lotterie - nicht wert.

Da die Idee mit dem Dom ursprünglich von den Konservativen kam, braucht Blair von der Opposition nicht allzu viel zu befürchten. Unangenehmer ist, dass Ken Livingstone, der von Blair bekämpfte Kandidat der Labour-Linken für das Amt des ersten Londoner Bürgermeisters, stets ein entschiedener Gegner des Doms war. Livingstone hat jetzt Oberwasser und gute Aussichten, sich gegen den Parteichef durchzusetzen. Ursprünglich hatte Blair dem "großen Zelt" im Greenwich eine entscheidende Rolle im nächsten Wahlkampf zugedacht: Es sollte die vielfältigen, zukunftsorientierten Strömungen versinnbildlichen, die in der Labour Party ihre politische Heimat finden. Damit ist es nun nichts mehr. Blair kann nur hoffen, dass die Presse den Dom möglichst bald vergisst und sich anderen Themen zuwendet - etwa der sprunghaft gestiegenen Zahl der Millenniums-Scheidungen.

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