Kultur : Tony Bui erzählt leise Geschichten aus der lauten Stadt Saigon

Daniela Sannwald

Vietnam, so hört man, sei vielleicht das schönste Land der Welt, und wenn man diesen Film sieht, ist man sofort bereit, das zu glauben. Aber obgleich die ersten Bilder von "Three Seasons" - Rikschas im Verkehrsgewimmel von Saigon und dann plötzlich ein Teich voller winziger Kähne, auf denen Lotusblumenpflückerinnen ihre Arbeit verrichten - einem Tourismuswerbefilm entnommen sein könnten, handelt es sich dennoch nicht um die reine Abbildung der Topographie, wie man bald feststellt. Regisseur Tony Bui war noch ein Kind, als die Familie im Krieg aus Vietnam in die USA emigrierte; sein Geburtsland betrachtet er mit einem freundlich-verständnisvollen, mitunter staunenden, nicht jedoch fremden Blick. Tony Bui erzählt kleine Geschichten von sich kreuzenden Biografien in der großen Stadt Saigon, von zufälligen Begegnungen und von Lebenswegen, die für man für kurze Zeit miteinander teilt.

Da ist die Blumenverkäuferin, die von einem durch Lepra entstellten und nun in einem lichtlosen Haus in der Mitte des Teiches hausenden Meister in die Künste des Metiers und der Poesie eingeweiht wird. Da ist der Rikschafahrer, der sich in seine Stammkundin, eine Prostituierte, verliebt, die sich ihrerseits nur für reiche Touristen interessiert. Da ist der kleine Junge mit dem Bauchladen, der nachts Zippo-Feuerzeuge verkauft, und da ist schließlich der Amerikaner, ein Kriegsveteran, der nach seiner Tochter sucht. Sie gleichen einander in ihrer Einsamkeit und in ihrer Fähigkeit zu träumen, und am Ende erfahren sie alle, dass Träume manchmal auch in Erfüllung gehen - nicht nur für die Protagonisten des Films, sondern auch für den Regisseur, der entgegen sämtlicher Erwartungen einen Produzenten fand: Hollywood-Star Harvey Keitel finanzierte den Film und übernahm selbst die kleine, bescheidene Rolle des ehemaligen G.I.

"Three Seasons" ist ein Augenschmaus für alle, die das Staunen nicht verlernt haben. Bestimmte Wetter- und Lichtverhältnisse sind einzelnen Figuren zugeordnet; gemeinsam leiden sie unter der drückenden Schwüle Saigons. Tony Bui hat sie so eindringlich visualisiert, dass auch der Zuschauer die Hitze zu spüren bekommt. Wohltuend dagegen ist die Dunkelheit und Kühle im Haus des leprösen Meisters, dessen Figur an Marlon Brando in "Apocalypse Now" erinnert: ein Mann, der das Tageslicht scheut und der, den Tod erwartend, seine Lebenserfahrungen in wohlgesetzte Worte fasst. Fasziniert lauscht die Blumenfrau, die sich von seinem Äußeren nicht abschrecken lässt. Sie ist berührt ist von der Zartheit seiner Empfindungen.

Fasziniert ist auch der kleine Junge, als er in einer Touristenbar auf den Kriegsveteranen trifft, der ihm Getränke spendiert. Aber während der Meister das Mädchen in die klare, schwarze Nacht entlässt, findet sich das Kind, nachdem es seinen Rausch ausgeschlafen hat, im dicken, blauen Dunst einer Kaschemme wieder. Mit solchen motivischen Montagen setzt der Regisseur die Figuren zueinander in Beziehung, noch bevor sie voneinander wissen. Und da wir ahnen, dass Tony Bui es gut meint mit seinen Helden, hoffen wir schon früh, dass er ihren Träumen Bilder gibt, damit wir uns darin verlieren können: auf dem schwimmenden Markt aus der Jugendzeit des Meisters, in einer Allee voller rot blühender Bäume, auf einem Teich voller Lotusblüten...In den Hackeschen Höfen und in der Filmbühne am Steinplatz (OmU)

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