Kultur : Tony Vaccaro im Gespräch: "Ich wollte den Tod abschaffen"

Wissen Sie noch[wann für Sie der Krieg began]

Tony Vaccaro (79) trug Gewehr und Fotoaparat, als er 1944 an die Front kam: Als GI dokumentierte der in Amerika geborene und in Italien aufgewachsene Autodidakt die Schrecken des Krieges, den Zusammenbruch des Dritten Reichsdas Misstrauen gegenüber den Alliierten und die wachsende Freundschaft zwischen Amerikanern und Deutschen. Für seine Bilder wurde der Fotograf zum Ritter der französischen Ehrenlegion geschlagen. Sie bildeten den Grundstein für seine Karriere. Später war er Cheffotograf bei "Flair" und arbeitete für "Life" und "Look" und "Venture". Ab morgen sind die Kriegs-Fotos Vaccaros im Willy-Brandt-Haus zu sehen. Bis zum 29. April, Di-So 12-18, Fr 12-20 Uhr. Zur Ausstellung erscheint "Tony Vaccaro: Entering Germany 1944-1949", Taschen Verlag, Köln 2001, 39,95 Mark.

Wissen Sie noch, wann für Sie der Krieg begann?

Ich war bei der 83. Infanteriedivision und war mit 15 000 anderen Soldaten in einem riesigen Passagierschiff eingepfercht. Das hat mir womöglich das Leben gerettet, denn wir kamen eine Woche zu spät in der Normandie an. Als wir Omaha Beach erreichten, wütete ein heftiger Sturm. Das Schiff musste immer wieder abdrehen, so dass wir sechs Tage lang nicht an Land gehen konnten. Die Verpflegung wurde knapp, die Mannschaften waren seekrank und mussten sich mit harten Schokoriegeln begnügen. Nachts konnten wir am Himmel Blitze von den Artilleriegefechten sehen. Wir sollten die 101. Luftlandedivision ablösen, die seit dem Tag der Landung kämpfte. Als wir schließlich am Strand abgesetzt wurden, versanken wir bis zur Brust im Wasser. Mit der einen Hand hielt ich mein Gewehr über den Kopf, mit der anderen meine Kamera.

Was haben Sie zuerst benutzt?

Das Gewehr. In St. Denis wurde unsere Einheit von Artillerie unter Beschuss genommen, die Wehrmacht wollte uns einkreisen. Ich sah, wie zwei oder drei deutsche Soldaten durch mein Schussfeld liefen, aber ich konnte nicht feuern. Ich begann zu weinen. Der Sergeant brüllte mich an, ich solle schießen. Doch ich rannte weg, desertierte von der Frontlinie und verkroch mich in einem "Fuchsbau". Nach ein paar Minuten kam jemand angerannt und sagte, ich würde hingerichtet, falls ich nicht zurückkehrte. Mir blieb nur eine Chance: auf mein Glück hoffen. So ging ich zurück, nahm mein Gewehr, zielte und schoss. Ich sah nie nach, ob ich getroffen habe.

Wann haben Sie zum ersten Mal fotografiert?

Sehr viel später. Denn ich fürchtete, erwischt zu werden, während ich ein Foto schoss. So zeigt mein erstes Bild eine Gruppe von Soldaten, die sich im Schutz einer Hecke niedergelassen hat. Ziemlich langweilig. Mein erster Film war überhaupt wenig spektakulär, bis auf ein Foto, das ich vom Strand aufgenommen hatte. Man sieht hunderte von gesunkenen Landungsbooten.

Steven Spielberg hat in "Saving Private Ryan" die Landungsoperation aus Sicht der Soldaten nachgestellt. Entspricht der Film Ihren Erlebnissen?

Nein. Kriegsgefechte sind in Wirklichkeit sehr trübsinnig. Man sieht kaum etwas, weil sich Soldaten wie Katzen bewegen. Sie können sich nicht vorstellen, welchen Gesichtsausdruck Frontsoldaten bekommen - ein totes Gesicht, die Augen blicken ins Nichts. Filme können diese Leere nicht abbilden.

Haben sie Kampfhandlungen aufgenommen?

Ich habe ein Bild von einem GI gemacht, während ihn eine Kugel traf. Er wollte ein Straße überqueren, während wir beschossen wurden. Ich war - wie die meisten von uns - unbehelligt auf der anderen Seite in den Graben gesprungen. Dort holte ich meine Kamera hervor, um die anderen zu fotografieren. Einer nach dem anderen hechtete über den Asphalt und rutschte in den Graben. Doch Jack Rose konnte keine Deckung finden. Die Sekunde, die er dort zu lange stand und die mir erlaubte, ihn zu fotografieren, wurde ihm zum Verhängnis. Auf dem Bild kann man sehen, wie ihm sein Gewehr entgleitet und er fällt.

Sie haben ziemlich exakte Erinnerungen an jedes Bild?

Oh, ja. Es gibt eine andere Aufnahme, die den Leichnahm eines gefallenen GIs auf einem schneebedeckten Weizenfeld zeigt. Als ich fünfzig Jahre später mit dem Sohn des toten Soldaten an die Stelle zurückkehrte, konnte ich sie nicht wiederfinden. Ich wusste genau, wo sie sich befunden hatte, aber jetzt standen wir mitten in einem Nadelwald. Warum, fragte ich einen Bauern, ist dort, wo früher ein Feld war, heute ein Wald? Doch er entgegnete: Das ist kein Wald, ich habe Tannen angepflanzt um sie im Dezember als Weihnachtsbäume zu verkaufen. Es war merkwürdig, aber der gefallene Soldat hieß Tannenbaum.

Kriegsreporter berichten mitunter davon, dass sie eine erhöhte Aufmerksamkeit für Gefahren entwickeln. Ist Ihnen das ähnlich ergangen?

Gewöhnliche Soldaten interessierte nur eins - der Krieg. Mich interessierte hingegen zweierlei - der Krieg und wie ich ihn abbilden konnte. Statt mich permanent zu fragen: Wo ist der Feind, wo kann er sich verborgen haben, war mein Hirn immer auch mit einem anderen Problem beschäftigt und befreite mich von dem Stress, um mein Leben zu fürchten. Ich hatte die Macht über den Krieg errungen.

Haben Sie sich deshalb zu weit vorgewagt?

Manchmal. Bei einer Gelegenheit robbte ich an einen deutschen Panzer heran, der von einer Granate zerstört worden war. Ich sah einen deutschen Soldaten, er war aus einer Luke gestürzt und brannte. Um ihn zu fotografieren, musste ich mich etwas erheben, und in diesem Augenblick hörte ich, wie die Kugeln eines Maschinengewehrs seitlich in den Panzer einschlugen und näher kamen. Ich warf mich zu Boden, direkt neben den brennenden Mann. Er stank nach geröstetem Fleisch. Alles, was ich sehen konnte, war seine Gürtelschnalle, auf der "Gott mit uns" stand. Ich habe seine letzten Worte gehört - "Mutter, Mutter."

Wie haben Sie Ihr Material entwickelt?

Ich benutzte vier Helme, die ich mir von anderen Soldaten lieh. Eine Dunkelkammer hatte ich nicht. Ich hockte in meinem Erdloch und wartete auf eine mondlose Nacht, in der es dunkel genug war. Der Helm mit dem Fixierer stank jedes Mal entsetzlich - nach vergammeltem Essig. Natürlich war das mein eigener Helm. Wo immer ich auftauchte, roch es nach Fotolabor.

Robert Capa und andere berühmte Kollegen haben stets die Gefahr gesucht, um ihre Kriegsgeschichten verkaufen zu können. Was hat Sie angetrieben?

Ich wollte besser sein als Capa. Ich kannte seine Arbeiten, die in amerikanischen Magazinen veröffentlicht wurden. Aber vieles war von ihm nachgestellt worden. Wenn er an die Front ging, beeilte er sich, rechtzeitig wieder nach Paris zurückzukehren, um mit Hemingway in einer Bar zu saufen. Ich lernte ihn während der Nürnberger Prozesse kennen. Er hatte meine Fotos im "Weekend Magazine" gesehen und lud mich zum Essen ein. Dabei erzählte er mir von seiner Idee, die Magnum-Agentur zu gründen. Zwei Leute seien schon dabei, und er fände es toll, wenn ich mich ihnen anschließen würde. Aber ich wollte allein arbeiten.

Sie waren Kundschafter. Wie sahen Sie die Deutschen, als Sie Ihnen begegneten?

Sie sahen wie geborene Soldaten aus - geboren, um zu töten. Ihre Uniform wirkte hinterlistig, gemein. Unsere sah nicht so aus. Wir waren geboren, um die Humanität zu verteidigen. Deshalb war ich tief erschüttert, als ich nach dem Angriff eines Heckenschützen, der das Feuer auf uns von einem Fenster aus eröffnet hatte, entdeckte, dass es sich um eine Frau handelte. Ihr Leichnam roch nach Chanel No. 5. Ich vermute, dass ihr Mann es ihr aus Paris mitgebracht hatte. Das Frühstück stand unberührt auf dem Tisch, keine Ahnung, warum sie die Uniform angezogen hatte. An der Wand hingen ein Bild von Hitler und eins von der Jungfrau Maria.

Sie waren erst 22 Jahre, als Sie nach Deutschland kamen. Was hielten Sie davon, dass Frauen mit amerikanischen Soldaten für eine Zigarette ins Bett gingen?

Da ich mich für einen Bildjournalisten hielt, wollte ich unbefangen bleiben. Ich dachte nicht wie ein GI, der sich wie ein Ausbeuter verhielt: töten, bumsen und weiterziehen. Ich habe Frauen stets voller Verehrung betrachtet, selbst unter unwürdigen Bedingungen. Denn ich liebe Schönheit.

Haben Sie sich auch verliebt?

Hmhm. Ich habe bei einer Frau um die Hand angehalten. Bei einer anderen hätte ich es tun sollen. Meine erste Affäre hatte ich als Fotograf der Divisions-Zeitung "83. Thunderbolt", die bei einer Familie einquartiert wurde. Eines Nachts wachte ich auf und fand eine der drei Töchter neben mir im Bett liegen. Die Hitze ihres Körpers hatte mich geweckt. Es war ein so wunderbares Gefühl. Der Feind bekam menschliche Züge.

Wann erfuhren Sie von den Konzentrationslagern?

Nach der Landung in der Normandie, im August 1944, als mir ein französischer Resistance-Kämpfer erzählte, dass er in ein deutsches Arbeitslager gesteckt worden sei. Dort sei das Gerücht umgegangen, dass sie zwar Franzosen am Leben ließen, aber alle Juden umgebracht würden. Davor wussten wir nichts.

Änderte das Ihre Wahrnehmung der Deutschen?

Ich begann, sie zu hassen. Das Töten machte Spaß.

Als Sie aus der Armee entlassen wurden, sind Sie in Deutschland geblieben. Warum?

Schon in der Schule faszinierte mich die Tatsache, dass sich die Geschichtsschreibung aus einer endlosen Abfolge von Kriegen zusammensetzte, einander abwechselnde Perioden von "heißem" und "kaltem" Krieg. In den 30er Jahren, als Japan in die Mandschurei einrückte, schickte der Korrespondent der italienischen Zeitung "Il Coliere della Sierra" regelmäßig Berichte über den grausamen Feldzug. Gleichzeitig erkrankte er an Krebs und fügte seinen Telegrammen Fußnoten an, in denen er seine Zeitung über den Verlauf der Krankheit unterrichtete. Er wusste nicht, dass diese Fußnoten mitgedruckt wurden. Doch die Italiener bewunderten diesen sterbenden Mann, der bald kaum noch laufen konnte, aber so wunderbar berührende, mitfühlende Geschichten schrieb. Von diesem Moment an wollte ich ebenfalls Korrespondent werden. Ich wollte um die Welt reisen und überall die intelligentesten Menschen treffen, um mit ihrer Hilfe den Krieg abzuschaffen.

So einfach?

Man sollte die Geschichte danach beurteilen, wie lange es braucht, bis ehemalige Feinde zu Freunden werden. Deshalb blieb ich bis 1949 in Deutschland, weil ich Fotos von der wachsenden Freundschaft zwischen Deutschen und Amerikanern machen wollte.

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