Kultur : Topf & Deckel

Eine Opern-Entdeckung im Konzerthaus.

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Die Suppe dampft, die Zwiebeln sind geschält, und, oh je, da gackert ein echtes Huhn. Tiere auf der Bühne, das fängt ja gut an. Aber da schafft Olivia Saragosa als Köchin Bejlja in geblümter Schürze das Federvieh auch schon weg. Es ist nicht mehr als ein Gag zu Beginn von „Wir gratulieren!“, einer Kammeroper des russisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg. Bejlja schuftet, männerlos, im Haus einer reichen russischen Herrin. Sie ist mit dem Leben so unzufrieden wie der Buchhändler Reb Alter, der sie abends noch in der Küche besucht. Auch das Dienstmädchen Fradl und der Lakai Chaim aus dem Nachbarhaus mögen sich, und so feiern am Ende zwei Paare eigenmächtig Hochzeit – in der Küche.

Weinberg hat das Stück zwischen 1975 und 1982 geschrieben, es basiert auf einem Roman von Scholem Alejchem. Der Schostakowitsch-Verehrer Weinberg, dessen Familie zu einem großen Teil in Pogromen und später von den Nazis ausgelöscht wurde, war im Westen weitgehend unbekannt, eine Entdeckung begann erst 2010 mit der Aufführung seiner bedeutendsten Oper „Die Passagierin“ bei den Bregenzer Festspielen. Jetzt zeigt das Konzerthaus „Wir gratulieren!“ im Werner-Otto-Saal als deutsche Erstaufführung im Rahmen seiner Hommage an Kurt Sanderling, einem guten Freund Weinbergs (noch einmal am heutigen Dienstag, 20 Uhr).

Regisseur Titus Selge und Bühnenbildner Stefan Bleidorn lassen das Stück am langen Küchentisch spielen. Doch spätestens als Fradl (Anna Gütter) das erste Mal in den Kochtopf tritt, wird klar, dass dieser Tisch nicht zum Kochen, sondern zum Tanzen da ist. Jeff Martin spielt den Reb Alter als verknittertes Rumpelstilzchen, das mit erstaunlich wohlklingendem Tenor die Attribute des Weins besingt und dabei die „Attribute“ von Bejlja befummelt – eine handwerklich solide Regie. Durchaus überwältigend dagegen Weinbergs Partitur: unglaublich dicht gearbeitet, voller jüdischer Tanzrhythmen und parodierter Fremdkörper wie Polka oder Walzer, nicht wirklich atonal, aber tonal gebrochen. Auch wenn es mal grell und spitz wird, bevorzugt Weinberg tiefe, dunkle Lagen, Cello und Fagott, er arbeitet wenig mit hohen Streichern, der erste Akt beginnt mit einem Solo der Altflöte, der zweite mit einem der Bratsche. Die Kammerakademie Potsdam unter Vladimir Stoupel bringt das alles glasklar, transparent, mit völliger Hingabe an jeden Ton, jede Phrase zu Gehör. Udo Badelt

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