Kultur : Topografie des Trinkens

Steffen Richter

Italienische Krimis, so scheint es manchmal, werden hauptsächlich wegen der versteckten Kochrezepte ins Deutsche übersetzt. Ein klassischer Fall ist Camilleris Gourmetkommissar Montalbano. Gastronomisch weniger avancierte Autoren, die – wie der Mailänder Andrea G. Pinketts – den Italo-Folklore-Pegel tief halten, haben bei uns weniger Chancen. Konkrete Sinnlichkeit erhöht jedenfalls die Erfolgschance. Doch im Abendlicht des Gutenberg-Zeitalters freut man sich ja, dass Romane überhaupt noch gelesen werden. Warum also nicht als Ratgeber „Essen & Trinken“?

Trinken (na ja: Alkohol) und Literatur leben traditionell in schönster Liaison. Sie kann sich auf den alten Römer Horaz berufen, bei dem es heißt, es könnten „keine Verse lange gefallen oder leben, die von Wassertrinkern geschrieben wurden“. Alkohol also verspricht dem Schreibenden gesteigerte Wirklichkeitswahrnehmung und Originalität. „Berauscht euch zügellos!“, dichtet Baudelaire, „Am Wein, an der Poesie, an der Tugend – woran ihr wollt. Aber berauscht euch.“ Die vermeintlich trockene Wissenschaft hat sogar so hübsche Begriffe wie den des „Kunsttrinkers“ (für E. T. A. Hoffmann) oder des „Kognitionstrinkers“ (für Joseph Roth) gefunden.

Die meisten Gegenwartsautoren jedoch frönen einem Hang zur Stocknüchternheit. Es herrschen Enthaltsamkeit und Beherrschung. Da wirkt eine Publikation wie das von Björn Kuhligk und Tom Schulz herausgegebene „Berliner Kneipenbuch“ (Berlin Verlag) wohltuend. 53 Autoren – von Ulrike Draesner über Tanja Dückers und Bert Papenfuß bis Ingo Schulze, Arnold Stadler und Peter Wawerzinek – haben sich zusammengetan, um Einheimischen und Besuchern ihre Berliner Lieblingslokale zu empfehlen. Am 11. 1. (20 Uhr) debattieren die Herausgeber mit den Beiträgern Jan Peter Bremer, Annett Gröschner und Torsten Schulz im Brecht-Haus (Chausseestr. 125, Mitte) die Topografie ihrer Trinkorte. Doch da es nicht nur um das Wo, sondern auch um das Wie des Trinkens geht, sei auf Frank Kelly Richs Handbuch „Die feine Art des Saufens“ verwiesen, das für März im Tropen Verlag angekündigt ist.

Auch der Rausch der Nüchternheit kann eine ästhetische Produktivkraft sein, denn er verstärkt auf andere Art die Seherqualitäten. Man denke nur an Nietzsches Zarathustra, den „geborenen Wassertrinker“. Ein großer Nüchterner ist Peter Handke . Man erinnert sich, wie er mit glasklarem Blick über die Schlachtfelder des Balkans wanderte, die Landschaft beeindruckend fand, „Gerechtigkeit für Serbien“ forderte und zum Trauerredner des Diktators Slobodan Milosevic wurde. Das Berliner Ensemble veranstaltet einen mehrtägigen „Handke-Lese-Marathon“, bei dem am 10., 11. und 13.1. (20 Uhr 15) sowie am 14.1. (20 Uhr) die HandkeTexte „Falsche Bewegung“, „Der Chinese des Schmerzes“, „Gestern unterwegs“ und „Die linkshändige Frau“ gelesen werden. Dabei lässt sich trefflich über Nutzen und Nachteil des Rauschs für die Dichtung nachdenken.

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