Kultur : Topographie der Sehnsucht

Fluchtpunkt Potsdamer Platz: Christian Petzold dreht mit Julia Hummer und Marianne Basler den Kinofilm „Gespenster“.

Christiane Peitz

Julia Hummer sieht verloren aus. Läuft zwischen den Hochhäusern am Potsdamer Platz Richtung Marriott-Hotel, allein, verstört, mit Jeans, T-Shirt, hängenden Schultern. Die Kamera – wo ist die Kamera? Wird hier überhaupt gedreht?

Christian Petzold, Regisseur des RAF- Familiendramas „Die Innere Sicherheit“ und meisterlicher TV-Kammerspiele wie „Toter Mann“ und „Wolfsburg“, ist ein diskreter Filmemacher. Ihn und sein Team übersieht man beinahe. Keine Kameraschienen, keine Crew, die die Straße absperrt. Passanten werden freundlich gebeten, kurz zu warten, man verständigt sich leise übers Funktelefon, und das Catering besteht aus nicht viel mehr als einer Mineralwasserkiste. Die unvermeidliche Lkw- und Wohnmobil- Kolonne parkt unauffällig in der Nebenstraße.

„Gespenster“ heißt der neue Film des 43-jährigen Regisseurs, die Ruhe am Set entspricht der stillen Tragik der Geschichte. Ein Tag in Berlin, vier Menschen, vier Suchende. Julia Hummer spielt ein Heimkind, Nina, das mit der neuen Freundin Toni (Sabine Timoteo) herumzieht. Sie klauen Klamotten bei H&M in den Arkaden am Potsdamer Platz und bewerben sich beim Casting für einen Film namens „Freundinnen“. Zwei heimatlose, aus der Welt gefallene Mädchen. Großstadtgespenster.

Nina und Toni treffen Françoise aus Paris. Marianne Basler spielt die Journalistin, die im Marriott abgestiegen ist, auf der Suche nach der Tochter, die sie vor 15 Jahren in einem Berliner Supermarkt verloren hat. Entführt womöglich, verschollen auf immer. Eine traumatisierte Mutter wie schon Nina Hoss in „Wolfsburg“, die ihr Kind bei einem Autounfall verlor. Auch Françoises Ehemann wird im Marriott einchecken. Er will seine verstörte Gattin zurückholen, in die Gegenwart, die Wirklichkeit. Vergeblich.

Jetzt aber, als Nina verloren über den Platz läuft, sieht Françoise das Mädchen aus dem Hotelzimmerfenster. Deshalb ist die Kamera nicht unten auf der Straße, sondern filmt aus der Vogelperspektive. Ein Traumblick.

Gespensterfotos nennt man die computergenerierten Bilder von vermissten Kindern, die den Angehörigen eine Vorstellung vom heutigen Aussehen ihrer Liebsten verschaffen. Die Idee zur Figur der Françoise hatte Petzold, als er in Frankreich solche Fotos sah. Bilder von „lebenden Toten“, sagt er. Und nennt seine Filme gern Überlebensfilme.

Es beginnt zu regnen, schon wieder. Wer einen Film dreht, der im Lauf von 24 Stunden spielt, muss wählerisch sein mit dem Wetter. Also rein ins Hotel. „Ich mag es“, erklärt Petzold dort, „wenn das Kino Menschen bei der Arbeit zuschaut. Mein Kino schaut gerne Leuten zu, die damit beschäftigt sind, den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden.“

Eigentlich hatte er zwei Geschichten geschrieben und die nach bewährter Manier mit seinem Kollegen, dem Berliner Filmemacher Harun Farocki, auf Spaziergängen besprochen. Auf dessen Rat hin verwob er die eine Geschichte – zwei Mädchen im freien Fall einen Tag und eine Nacht lang – mit der anderen von der trauernden Mutter.

In seiner Zivildienstzeit hatte Petzold Heimkinder kennen gelernt, die ihm erzählten, dass man im Heim nach dem Aufwachen immer sofort aufstehen müsse. „Aber wenn man morgens liegen bleibt, fängt der Tagtraumapparat zu arbeiten an. Heimkinder bauen sich dann Biografien zusammen mit Müttern, die ihr Kind hergeben mussten und eines Tages als reiche Frauen zurückkehren.“ Das sei „Gespenster“: die Fantasie eines Mädchens, das zu lange im Bett liegen bleibt. „Umgekehrt fantasiert sich die Mutter das verlorene Kind herbei.“ Zwei Imaginationen, die sich kreuzen und am Ende entgleiten. „Ich glaube“, sagt Petzold, „dass alle Tagträume nicht zu Ende geträumt werden.“

Es ist Petzolds erster Film in Berlin, eine deutsch-französische Koproduktion, die er am Wochenende abdrehen wird. Schauplätze sind neben den Locations rund um den Potsdamer Platz das Universal-Gebäude an der Oberbaumbrücke und eine Filmproduzenten-Villa im Grunewald – den Produzenten spielt Benno Fürmann. Zu Kreuzberg und Schöneberg, da wo Petzold lebt und seine Kinder in die Schule gehen, war ihm nichts Rechtes eingefallen: „In der Slumberland-Bar einen Rohmer-Film anzusiedeln, an diesem Gedanken bin ich gescheitert.“ Deshalb wich er in andere Städte aus, nach Leverkusen oder Wolfsburg, die er von früher kannte.

Der Potsdamer Platz, sagt Petzold, ist ihm so fremd wie Leverkusen: „ein nicht zu Ende gedachter, halb privater, halb öffentlicher Ort“. Um Drehgenehmigungen einzuholen, musste die Produktionsfirma nicht beim Bezirk, sondern bei Konzernen anfragen.

Topographie der Sehnsucht. Der Potsdamer Platz, dieses versiegelte neue Berlin mit Kinos und Einkaufsparadies, liegt gleich neben dem Tiergarten. Petzold begann mit den Vorbereitungen für „Gespenster“, als er auf den Elbwiesen in Wittenberge „Toter Mann“ drehte. „Der Landschaftsarchitekt Peter Lenné hat den Tiergarten nach dem Vorbild der Elbwiesen angelegt. In keiner anderen Großstadt liegt ein modernes Zentrum so nahe an so etwas wie den Elbwiesen.“ Ein idealer Schauplatz für die Fantasie: hier der Märchenwald, dort die Berliner Castingwelt mit Sony und H&M. Und die Straße dazwischen, über die Nina und Toni mit ihrem Diebesgut flüchten, trägt den Namen Lennés.

Nein, Petzold will sich nicht mit einem Film in den Stadtplan einschreiben. „Ich behandele Berlin nicht, als ob es mir untertan wäre.“ Es geht vielmehr darum, den Orten ihre Geschichte, ihr imaginäres Potenzial zu entlocken. Deshalb das behutsame Drehen: Wer zu viel Lärm macht, vertreibt die Geister.

Daran liegt auch dem Produzenten Florian Koerner. Seine Firma gilt als Brutstätte für die so genannte Berliner Schule. Zum vierten Mal arbeitet Schramm-Film mit Petzold zusammen, außerdem mit Regisseuren wie Thomas Arslan, Angela Schanelec, Valeska Grisebach oder Henner Winckler. Berliner Schule? „Ein komisches Etikett“, sagt Koerner. Schramm- Filme sind Filme mit bescheidenem Budget. 2,1 Millionen Euro für „Gespenster“ hält Koerner für geradezu fürstlich: Wann ist ein deutscher Filmproduzent schon mal mit seinem Budget zufrieden? Wie Petzold bevorzugt Koerner den menschlichen Faktor. Character driven, nennt er es neudeutsch. Das Aufregende liegt im Unausgesprochenen, in der Stille zwischen den Bildern. Vielleicht sind Schramm-Produktionen immer Gespensterfilme.

Drei Tage später am Martin-Gropius- Bau, Hintereingang. Nina und Françoise sprechen zum ersten Mal miteinander. Marianne Basler lehnt an einer Mauer, eine blonde, schlanke, zerbrechliche Frau im Seidenrock. Hast du Hunger?, fragt die Mutter. Julia Hummer nickt. Der Wind zerzaust ihre Stimmen. Der Tonmann unterbricht. Die Mittagsglocken läuten, ein Hubschrauber kreuzt den Himmel, und der Baustellenlärm nebenan wird auch immer lauter. Gleich kommt wieder der Regen.

Und das Kino, ein blinder Passagier, schummelt sich in die Lücken der Wirklichkeit.

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