Kultur : "Topographie des Terrors": Betonaufmischer

Manche schwärmen noch heute. Allein dieser Geruch! Und erst die Musik, vernehmlicher, verzaubernder Bestandteil der Architektur! Ja, er gehörte zu den Highlights der Expo 2000: Peter Zumthors Schweizer Pavillon, jenes labyrinthische Holzregal mit echtem Duft, echten Musikern und echter Schweizer Schokolade. Ein luftiges Kunststück der Improvisation, das den Ruhm des Architekten in eine breite Öffentlichkeit getragen hat. Womöglich hat die Hannoversche Zumthor-Begeisterung auch die Berliner Querelen zumindest unterschwellig beieinflusst: auf dass der jahrelange Streit um Zumthors "Topographie des Terrors" nun endlich beigelegt werden konnte.

Die gute Nachricht von der Einigung auf einen Kostengrenze von 76 Millionen Mark für das filigrane Beton-Stabwerk erweckt den Eindruck, als habe die Berliner Interims-Regierung nur kräftig auf den Tisch hauen müssen, um die verfahrene Situation samt Kostenexplosion und komplizierter Bautechnik im Handstreich zu lösen. Wahr daran ist, dass die neue Kultursenatorin Adrienne Goehler die "Topographie" ganz oben auf ihre Dringklichkeitsliste gesetzt hat. Und dass Wowereits Senat sich nun mit einer Klarheit zu diesem dritten Erinnerungsort neben Jüdischem Museum und Holocaust-Mahnmal bekennt, die Diepgens Große Koalition seit 1993 vermissen ließ. Und doch ist das nur die halbe Wahrheit.

Denn ganz so plötzlich kommt diese Einigung nicht. Da ist zum einen Senator Strieders "baubegleitender Ausschuss", der seit November vergangenen Jahres unermüdlich getagt und gemeinsam mit dem Büro Zumthor Kosten wie Bauverfahren minutiös geprüft hat. Nun liegen konkrete Zahlen auf dem Tisch; die diffizile Klebetechnik für die hauchdünnen Bestonstelen ist offenbar doch billiger zu haben. Und weil Berlin seine Hausaufgaben gemacht hat, lässt sich nun auch der Bund, der zu Michael Naumanns Zeiten noch zögerte, nun in die Pflicht nehmen. Er übernimmt die Hälfte des Budgets; bereits im März signalisierte Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, er würde 38 Millionen Mark besteuern - einen verbindlichen Kostenrahmen vorasugesetzt. Hinzu kommt der öffentliche Druck, im Land der Täter nicht nur die Opfer, sondern auch Tatorte der NS-Verbrechen in Erinnerung zu halten. Und nun noch die politische Rückendeckung aus Berlin: Goehler und Co. fahren die Ernte ein, die hinter den Kulissen bestellt worden ist.

Ende gut, alles gut? Nicht ganz. Von den Bundesbauten wie vom Jüdischen Museum ist bekannt, dass neue Architektur immer teurer kommt als geplant. Es wäre ein Wunder, wenn es am Ende tatsächlich bei den 76 Millionen bliebe, zumal bei einem Bauwerk mit einer unerprobten und folglich unwägbaren Statik. Aber eines ist gewiss: Der jetzige Beschluss, der nächste Woche noch die Hürde des Hauptausschusses nehmen muss, ist unumkehrbar. Neben Peter Eisenman und Daniel Libeskind wird Peter Zumthor das Trio aufregender Architektur im Zentrum der Haupstadt vervollständigen. Voraussichtlich 2005.

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